Regenbogen-Aktionstag endet mit „Spielabbruch“

Unwetter in Kaiserslautern setzt dem IDAHOBIT 2018 ein jähes Ende

Dekorierte Vielfalt (Foto: Queer Devils)

Dekorierte Vielfalt (Foto: Queer Devils)

Es war ein tolles Bild, das die queeren Initiativen aus Kaiserslautern am gestrigen verkaufsoffenen Sonntag vor die Baustelle an der Adler-Apotheke zauberten. Ein regenbogenbuntes Bild, das die Vielgestaltigkeit der einzelnen beteiligten Gruppen (AIDS-Hilfe, BLiA e.V., Lauterjungs & Mädels e.V., Queer Devils e.V, Rosateufel, Schwul-Lesbischer Stammtisch, SchLAu, VelsPol Rheinland-Pfalz) widerspiegelte. Bei fast hochsommerlichen Temperaturen hatten die zahlreichen Akteure in der Lauterer Fußgängerzone in Windeseile Pavillons, Infotheke, Fußballtor, Rollups und Werbetafeln aufgebaut, den Bauzaun vor der Baustellenfläche dekoriert und reichlich Infomaterial bereit gelegt. Anlass war der IDAHOBIT (International Day Against Homo-, Bi-, Inter- and Transphobia), der weltweit eigentlich am 17. Mai begangen wird.

Gute Laune an allen Ecken (Foto: Queer Devils)

Gute Laune an allen Ecken (Foto: Queer Devils)

An jenem 17. Mai im Jahr 1990 strich die Weltgesundheitsorganisation Homosexualität von ihrer Liste der psychischen Krankheiten (auf der Transidentität allerdings bis heute zu finden ist). An diesem Tag findet seit 2005 jährlich der Internationale Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transphobie (IDAHOBIT) statt.  Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans* und Intersexuelle (LSBTI) setzen am 17. Mai auf der ganzen Welt Zeichen gegen Homo-, Bi-, Trans*- und Inter*feindlichkeit. Zusammen mit allen Menschen, die mit uns solidarisch sind, zeigen wir – Rechte für Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans* und Inter* sind Menschenrechte und nicht verhandelbar!

Die Selbstbestimmung über das eigene Begehren oder die Geschlechtsidentität wird Menschen immer wieder aberkannt. Wer nicht in die heterosexuelle und/oder zweigeschlechtliche Norm passt, erlebt juristische, medizinische und gesellschaftliche Diskriminierung. Über 70 Länder weltweit verfolgen gleichgeschlechtliche Liebe. Transidenten und Intersexuellen wird das Recht, ihr Geschlecht selbstbestimmt zu leben, oft mit Gewalt abgesprochen.

Es war alles angerichtet... (Foto: Queer Devils)

Es war alles angerichtet… (Foto: Queer Devils)

Das gilt auch für Deutschland, wo Transidente nur nach einem pathologisierenden Begutachtungsverfahren ihren Vornamen und Geschlechtseintrag ändern dürfen und intersexuelle Kleinkinder nach wie vor geschlechtszuweisenden Operationen unterzogen werden. Die Ehe-Öffnung für schwule und lesbische Paare ging nicht einher mit einer Reform des Abstammungsrechts, so dass bei lesbischen Paaren ein Elternteil die eigenen Kinder adoptieren muss. Rechtspopulistische Parteien versuchen aktiv, eine Pädagogik der Vielfalt zu verhindern, die Kinder und Jugendliche altersgemäß über sexuelle und geschlechtliche Identitäten und unterschiedliche Formen des Zusammenlebens aufklärt und dem Entstehen von Vorurteilen entgegenwirkt.

Um anlässlich dieses weltweit begangenen Jahrestages auf solche immer noch vorhandenen Missstände aufmerksam zu machen, muss es jedoch nicht explizit der 17. Mai sein, an dem Initiativen den Weg in die Öffentlichkeit suchen. Die Akteure in Kaiserslautern nutzen hierfür seit einigen Jahren beispielsweise den traditionellen verkaufsoffenen Sonntag im Mai, der in diesem Jahr auf den gestrigen Sonntag fiel.

...und auch der FCK war mit im Boot (Foto: Queer Devils)

…und auch der FCK war mit im Boot (Foto: Queer Devils)

Die Stadt ist an einem solchen Tag entsprechend gut gefüllt, die Leute unterliegen weniger ihrem Alltagsstress und schlendern eher entspannt vor den Schaufenstern hin und her. Das sei quasi eine ideale Atmosphäre, um bei solch komplexen Themen auch mal in Ruhe ins Gespräch zu kommen, war aus den Reihen der Organisatoren als Begründung für die als Alternative zum 17. Mai gewählte Sonntagsvariante der Veranstaltung zu hören. So waren die Voraussetzungen gestern eigentlich ideal. Strahlender Sonnenschein mit sommerlichen Temperaturen. Fast schon zu heiß, um den Nachmittag in der Innenstadt zu verbringen.

Doch diejenigen, die sich gestern für eine Shopping-Tour entschieden hatten, sollten ihr blaues oder besser gesagt ihr nasses Wunder erleben, denn genau dieses Bilderbuchwetter schlug am gestrigen Nachmittag vom einen auf den anderen Moment um. Gleich mehrere Gewitterzellen hatten sich bereits am frühen Nachmittag über der Westpfalz angedeutet. Eine mehr als ungünstige lokale Wettersituation sorgte dann dafür, dass sich ausgerechnet über dem Stadtgebiet von Kaiserslautern eine gewaltige Wolkenszenerie aufgetürmt hatte, die sich zunächst sehr statisch verhielt und die in einer zäh und trotzig anmutenden Haltung den Himmel über der Stadt mehr und mehr verdunkelte.

Doch dann kam der große Regen... (Foto: Queer Devils)

Doch dann kam der große Regen… (Foto: Queer Devils)

Nur eine halbe Stunde nachdem die Sonne hinter den gewaltigen Wolkenbergen verschwunden war, gingen vereinzelt fette Wassertropfen nieder. Nur wenige Augenblicke später öffnete der Himmel seine Schleusen. Wie aus Kübeln ergossen sich ergiebiger Starkregen und daumendicke Hagelkörner über dem Stadtgebiet und zwangen die Menschen, die auf der Straße unterwegs waren dazu, fluchtartig das Freie zu verlassen.

Den regenbogenbunten Akteuren an der Stiftskirche blieb nichts anderes übrig, als ihre Utensilien zusammenzuraffen und unter den Zeltplanen der beiden Infopavillons dicht gedrängt Schutz zu suchen. Besonders bitter mutete an, fast hilflos mit ansehen zu müssen, wie die liebevoll gestaltete Dekoration rund um das Geschehen im Gewitterregen unterging. Eine ungemütliche und beklemmende Situation. Spätestens nach einer halben Stunde war den Aktivisten klar, dass hier nichts mehr zu retten sein würde. Nichts von der Intention der Veranstaltung, nichts von den ungeschützt den Wassermassen ausgesetzten Materialien.

...und der große Frust (Foto: Queer Devils)

…und der große Frust (Foto: Queer Devils)

Es dauerte dann auch fast eine Stunde, ehe die Fluten, die sich aus dem tief hängenden Wolkenhimmel ergossen, während sich gelegentlich mit donnerndem Getöse Blitze den Weg aus dem aufgeladenen Wolkeninferno den Weg zur Erdoberfläche bahnten, langsam an Intensität abnahmen. Als sich die apokalyptisch anmutende Wetterlage einigermaßen entspannt hatte, ging es nur noch darum, zu retten was eh kaum noch zu retten war.

Ruhig und diszipliniert wurde die gesamte Ausstattung abgebaut und in die herbeigeholten Fahrzeuge verladen. Schade und ärgerlich zugleich, von der mitgebrachten Verpflegung aus selbstgemachten Muffins, Obst und Kaffee, war zu dem Zeitpunkt, als die Gewitterfront sich erbarmte Richtung Nordosten abzuziehen, kaum etwas aufgebraucht. Wenigstens ein Teil der bis dahin noch üppig gefüllten Muffin-Kisten wurde noch an eilig vorbeilaufende Passanten verteilt.

Statt in die Luft, am Boden abgesoffen (Foto: Queer Devils)

Statt in die Luft, am Boden abgesoffen (Foto: Queer Devils)

Mit gemischten Gefühlen und völlig durchnässt ging es zurück in den Pariser Hof, wo die Reste des aufgeweichten Equipments eilig zum Trocknen ausgelegt wurden. Natürlich war auch die Stimmung ziemlich am Boden. Aber es sah auch jeder ein, dass es nichts bringt, zu lamentieren, sondern die Ereignisse einfach auch mit einer Note Humor zu nehmen. Wie auch aus unseren Reihen, die wir schnell festgestellt hatten, dass man im Fußball so ein unvorhergesehenes Ende schlicht „Spielabbruch“ nennt! Also galt schon gestern, nach vorne schauen und bei der PRIDE WEEK 2019 dann eben wieder angreifen.

mg


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