Gleitschutzstollen, Traktandenlisten, Wurstbrötchen und Prosecco

Queere Fanclubs feiern Jubiläum bei der XX. Tagung der QFF in Dortmund

Getrennt in den Farben, vereint in der Sache (Foto: mg)

Getrennt in den Farben, vereint in der Sache (Foto: mg)

Ein prall gefülltes Programm wartete am vergangenen Wochenende auf die Delegierten der XX. QFF-Tagung in Dortmund. Mehr als 90 Teilnehmer aus 21 Mitgliedsorganisationen waren der Einladung der Rainbow Borussen gefolgt, die für die Zeit vom 6. bis zum 8. Oktober  in die Ruhrmetropole eingeladen hatten. Dorthin, wo sich vor genau 10 Jahren 28 Teilnehmer aus damals 11 regenbogenbunten Fanclubs erstmals zusammengefunden hatten, um fortan unter dem Motto „getrennt in den Farben, vereint in der Sache“ queere Akzente zu setzen und mit einer ganz eigenen Fanpolitik die Interessen und Anliegen von LGBTI im Fußball zu positionieren. Das Wochenende diente daher nicht nur dazu, weitere wichtige Schritte in die Zukunft der QFF zu gestalten, sondern auch in vielen bunten Facetten den Blick in die Vergangenheit zu richten. Daher traf auch das von den Rainbow Borussen gewählte Einladung-Motto „back to the roots“ voll ins Schwarze oder sinnigerweise besser ins Schwarz-Gelbe!

Borsigplatz - schwarz-gelbe Anekdoten auf grüner Wiese (Foto: mg)

Borsigplatz – schwarz-gelbe Anekdoten auf grüner Wiese (Foto: mg)

Los ging es schon am späten Freitagnachmittag. Mit einer höchst informativen Stadtführung, die einen fundierten Einblick in 108 Jahre schwarz-gelbe Fußballhistorie gab. Von der Dreifaltigkeitskirche, wo sich Borussen-Fans mindestens dreimal im Jahr zu einem schwarz-gelben Gottesdienst zusammenfinden, ging es zu Fuß durch die Dortmunder Nordstadt. Jenem Stadtteil, in dem nahe dem Borsigplatz der BVB im Jahr 1909 seine Geburtsstunde erlebte.  Unter dem Zeichen der Regenbogenfahne marschierte die kunterbunte Truppe dann entlang zahlreicher markanter Stationen, die einen nicht unerheblichen Teil der älteren BVB-Historie abbildeten. Immer wieder untermalt mit dem fundierten Wissen und der illustren Wortgewaltigkeit von Diplom Geografin Annette Kritzler, die selbst seit rund 20 Jahren am Borsigplatz lebt und mit ihrer Authentizität den „Borsigplatz VerFührungen“ eine ganz eigene Note verleiht. Mitunter wissen nun auch alle, dass die Dassler-Brüder nicht die Erfinder der „Fußballstiefel mit auswechselbaren Gleitschutzstollen“ sind, sondern diese auf eine Idee von Alexander Salot zurückgehen. Das Patent hatte der Sportartikelriese mit den drei Streifen dem Tüftler aus Bremen-Blumenthal dann lediglich abgekauft. Vermutlich für ein viel zu niedriges Salär.

Gut gefüllt, das Bürgermeister Lindemann am späten Abend (Foto: mg)

Gut gefüllt, das Bürgermeister Lindemann am späten Abend (Foto: mg)

Nach einem stilechten Wege-Bier am Bergmann-Kiosk war dann Endstation in der Kultkneipe „Bürgermeister Lindemann“, wo emsige Helfer bereits den Grill angeworfen, ein stattliches Salatbüffet aufgebaut hatten und der Chef des Hauses unermüdlich bemüht war, die Lust auf typisches Dortmunder Hopfengebräu zu stillen. Ein gelungener Auftakt, der für manchen erst spät in der Nacht ein Ende fand.

Der Samstag stand dann natürlich traditionell erst einmal im Zeichen der Tagung. Im funkelnagelneuen Presseraum des größten Fußballtempels der Republik, erwartete die Delegierten eine stattliche Tagesordnung. Nach der Erfüllung diverser Formalien und der Begrüßung der Rainbow Borussen durch Christian Steffes und Jens Gollminski, dem Grußwort von Susanne Hildebrandt von der Koordinierungsstelle für Lesben, Schwule und Transidente der Stadt Dortmund sowie von Björn Hegemann, einem von 6 Fanbeauftragten des BVB, der im Verein auch Ansprechpartner für Antirassismus- und Antidiskriminierungsarbeit ist, stand auch schon ein erster wichtiger Entwicklungsschritt zur Abstimmung.

Begrüßung zum Auftakt (Foto: mg)

Begrüßung zum Auftakt (Foto: mg)

Gleich vier neue queere Fanclubs hatten die Aufnahme bei den QFF beantragt. Die Knobelböcke aus Köln, die Regenbogen-Knappen aus Gelsenkirchen, Bradford City LGBT + Fan Group als erster englischer queerer Fanclub sowie die Rainbow Bulls aus Leipzig stellten sich der Vollversammlung vor. Vor den aufmerksamen Zuhörern hatte vor allem der sympathischen Präsentation der Truppe aus Bradford und ihrem „eigenen“ Bier viel Beifall gezollt. In der anschließenden Frage- und Diskussionsrunde stand dann aber insbesondere der queere Fanclub aus Sachsen im Fokus. Es wurde kontrovers und bisweilen hitzig diskutiert, aber auch wenn vielen im Saal das ungeliebte fußballerische Brause-Produkt ein Dorn im Auge bleibt, ergab die Abstimmung letztlich ein einstimmiges Votum, so wie bei den drei anderen Bewerbern auch. Willkommen bei den QFF!

Gut gefüllt, der neue Presseraum der Borussia (Foto: mg)

Gut gefüllt, der neue Presseraum der Borussia (Foto: mg)

Noch vor der Mittagspause gab es einen knappen Einblick in die Arbeit rund um den Dialog mit dem DFB, der mehr oder weniger koordinierten Arbeit der Fanszenen und der AG Fankulturen. Ein laufender Prozess, den QFF über seine eigentliche Antidiskriminierungsarbeit hinaus zwingend in der bisherigen Qualität und Quantität weiterführen sollte. Die zahlreichen Facetten der seit Jahren anhaltenden unbefriedigenden Entwicklung rund um den Fußball betreffen schließlich alle Fans des Volkssports Nummer eins. Hier wird es innerhalb der bestehenden Dialogstrukturen darum gehen, dass QFF auch weiterhin mit am Tisch sitzt oder sich möglicherweise noch intensiver einbringen kann. Keine einfache Aufgabe, da Dirk Middeldorf, der diese Aufgabe bisher mit viel persönlichem Einsatz ausgefüllt hatte, aus dem Sprecherrat ausscheiden wird.

Rasenpflege bei tristem Wetter (Foto: mg)

Rasenpflege bei tristem Wetter (Foto: mg)

Nach dem arbeitsreichen Vormittag hatte dann auch die Halbzeitpause zwei Höhepunkte zu bieten. Einmal ein schmackhaftes und reichliches warmes und kaltes Büffet, mit dem alle wieder zu neuen Kräften fanden und einmal eine sehr kurzweilige und informative Führung durch den schwarz-gelben Fußballtempel. Unzählige Daten und Fakten sowie zahlreiche höchst amüsante Anekdoten hatten die drei Tour-Guides für das in drei Gruppen formierte Plenum auf dem Weg durch und über Ost-, Süd- und Nordtribüne parat. Im dortigen Gästeblock gab es dann noch das obligatorische Gruppenfoto, das schleunigst archiviert werden sollte, damit beim 25-jährigen Jubiläum nicht im Vorfeld wieder die große Sucherei beginnt. Vielleicht ja dann an gleicher Wirkungsstätte?

BVB-Umkleide - bodenständig, spartanisch, effektiv. (Foto: mg)

BVB-Umkleide – bodenständig, spartanisch, effektiv. (Foto: mg)

Der Nachmittag stand zunächst ganz im Zeichen des Informationsflusses. Neben dem Bericht zum „Pride in Football Symposium“ in Manchester im Februar 2017, dem Bericht der AG Zukunftswerkstatt mit den Schwerpunkten eines Konzeptes zur künftigen CSD-Teilnahme, der Organisation von Podiumsdiskussionen, der Teilnahme an Fußballturnieren und dem Bereitstellen eines Medienpools sowie der inhaltlichen Zusammenfassung zum FSE Kongress  hatten auch wir Gelegenheit einen groben Einblick in die ereignisreichen letzten 13 Monate zu geben. Vom ToG-Preis über unser Engagement bei der PRIDE WEEK KL bis zu unserer durch den FCK protegierten Bewerbung um den Julius Hirsch Preis. Auch als Motivationsversuch für andere, sich durchaus mit den uns eigenen Themen auch mal außerhalb des grünen Rasens zu bewegen. Mit dem wieder nach vorne gerichteten Blick gab es dann noch den aktuellen Stand zum WM Guide 2018 und den neuesten Infos für reisewillige Fans hinsichtlich Bemühungen um Kontakte zu Initiativen vor Ort. Ein grobes Gerüst bei dem hinsichtlich Feinschliff bei der vorhandenen politischen und sportpolitischen Themenbrisanz noch so einiges an Input erforderlich sein wird! Passend dazu gab es dann noch einen Überblick zu allen schon in Augsburg angefassten Themen, die in diversen Arbeitstreffen vorangetrieben worden waren. Außerdem den aktualisierten Stand des Weges zur Erlangung der Gemeinnützigkeit von QFF, um auch dort sämtliche bürokratischen Hürden zu überspringen und Klippen zu umschiffen.

Plauderei in der Mixed-Zone (Foto: mg)

Plauderei in der Mixed-Zone (Foto: mg)

Nach der eher trockenen Materie zum Zahlenwerk der Finanzverantwortlichen bei QFF und der mehrheitlichen Entlastung von Kassierer, Kassenprüfern und Sprecherrat kündigte die Tagesordnung dann den Wahlgang zur nächsten Legislatur an. Die Vorstellungsrunde der Kandidaten hatte die Vollversammlung bereits am Vormittag konsumiert. Letzte Abstimmungen vor dem Urnengang konnten dann ganz entspannt in die Kaffeepause getragen werden. Während nach dem letzten verzehrten Kuchenkrümel sich die Wahlhelfer in die Auswertung der Wahlzettel stürzten, berichtete Patrick Arnold von der Landesarbeitsgemeinschaft Fanprojekte NRW (LAG) über die landesweite Arbeit, diverse Projekte und über Möglichkeiten in NRW auch an Finanzierungsmittel für höherwertige Initiativen zu gelangen. Im Anschluss dann nicht nur eine Wahlhochrechnung, sondern auch gleich das amtliche Endergebnis. Demzufolge wurden Christian Steffens, Sven Klömmer, Michael Batzdorf, Karin Cläßens, Sven Kistner und Dani Hofmann mit überwältigender Mehrheit in den Sprecherrat gewählt. Glückwunsch auch von unserer Seite!

Der neue Sprecherrat der QFF (Foto: mg)

Der neue Sprecherrat der QFF (Foto: mg)

Den Tagungsmarathon abgerundet hatten dann noch die Präsentationen für die Austragungsorte der der nächsten QFF-Veranstaltungen. Einmal die Regenbogenadler für das Arbeitstreffen in Frankfurt im März 2018 und die Roze Règâhs für die Vollversammlung in Den Haag im September kommenden Jahres. Bei so viel Blick nach vorne war dann doch auch noch einmal der Blick zurück gefragt. Bisher hat die Mehrheit aller Vereine der höchsten drei deutschen Spielklassen das Thema Homophobie in den jeweiligen Stadionordnungen noch immer nicht untergebracht! Die grafische Darstellung eines vorgestellten Recherche-Ergebnisses brachte dies deutlich zum Ausdruck. Kein wirklicher Fortschritt! Grund genug diese seit Jahren bestehenden Forderungen bei den betreffenden Vereinen noch einmal kritisch zu hinterfragen und mit dem gebotenen Nachdruck auf ein besseres Ergebnis hin zu arbeiten.

Illustres Bühnengespräch weckt Erinnerungen (Foto: mg)

Illustre Bühnengespräche weckten Erinnerungen (Foto: mg)

Mit dem Hinweis auf das für Anfang Januar 2018 in Frankfurt terminierte Hallenturnier Fußballfans gegen Homophobie beim Fanprojekt  FSV Frankfurt und der würdigen Verabschiedung der beiden scheidenden Sprecherratsmitglieder Lars Kück und Dirk Middeldorf, endete die XX. QFF-Tagung (fast) pünktlich. Zeit genug also für kurze Turbo-Regenerations-Prozesse und individuelle Restaurationsarbeiten, ehe es zu einem weiteren Highlight des Tagungswochenendes ging, der Jubiläumsparty der QFF. Im liebevoll dekorierten KCR durfte sich die nach und nach einmarschierende Tagungsschar an einem üppigen Büffet stärken, um nebenher ein weiteres Mal den Blick zurück zu richten. In einer umfangreichen Bildershow hatten die Rainbow Borussen hunderte Erinnerungsmomente an die Tagungen der Jahre seit 2007 auf die Leinwand gezaubert.

Getrennt in den Farben...vereint...im T-Shirt. Brötchenschmierereien (Foto: mg)

Getrennt in den Farben…vereint…im T-Shirt. Brötchenschmierereien (Foto: mg)

Aber es gab nicht nur bildhaft dokumentierte Lacher. In einem amüsanten Bühnen-Gespräch erinnerten vier Akteure der ersten Stunde mit vielen kleinen Anekdoten an die Anfangsjahre von QFF. So mancher, der erst seit der jüngeren Vergangenheit im queeren Fußball-Netzwerk mitmischt, konnte endlich Antworten auf brennende Frage finden. Wie und wann es zum Terminus der Traktandenliste kam, warum es jemand von Neu-Isenburg in die Schweizer Bergwelt verschlägt, oder wer dafür verantwortlich war, dass QFF mancherorts den Konsum von Prosecco signifikant in die Höhe getrieben hat. Oder auch was es mit dem immer wieder zitierten Belegen von Wurstbrötchen auf sich hatte, was dann als knifflig spielerische Aufgabe illustrativ auf der Bühne nachgespielt und gelöst wurde.

Mit einer überdimensionalen QFF-Geburtstagstorte setzten die Rainbow Borussen zusammen mit den gesanglichen und tänzerischen Darbietungen der seligen Münchner Maikönigin und dem auch optisch pointierten Auftritt von Donna Promilla einen vorläufig glanzvollen Schlusspunkt unter ein bis dahin herausragendes Wochenende. Über die weiteren Geschehnisse der Nacht legen wir dezent den Mantel des Schweigens. Dahingehende Interpretationsspielräume ließ am folgenden Morgen beim traditionellen Abschieds-Brunch allerdings auch der physische Zustand des einen oder anderen Tagungsprofis zu! So endete mit viel Kaffee, einem üppigen Frühstückstisch und – da isser wieder – reichlich Prosecco die Jubiläums- und Geburtstagstagung der Queer Football Fanclubs. Ein riesiges Dankeschön an dieser Stelle noch einmal an alle engagierten Mitstreiter der Rainbow Borussen und allen sonstigen Helfern und Akteuren, die zum Gelingen dieses tollen Wochenendes beigetragen hatten. Wir sehen uns in Frankfurt!

mg


Kommentare

Gleitschutzstollen, Traktandenlisten, Wurstbrötchen und Prosecco — 1 Kommentar

  1. Eine wunderbar geschriebene Zusammen Fassung.bin wie immer begeistert.danke ihr tollen roten teufel.ich knutsch euch .eure Perle

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