Mehr Schatten als Licht bei der Packung am Kiez

Der 1.FCK unterliegt im letzten Saisonspiel am Millerntor mit 5:2

Fast 3.000 Lauterer mit am Millerntor (Foto: www.der-betze-brennt.de)

Fast 3.000 Lauterer mit am Millerntor (Foto: www.der-betze-brennt.de)

Fritz-Walter-Wetter vor vollem Haus am Millerntor. Es war angerichtet am vergangenen Sonntag, als der 1.FCK zum letzten Spiel der Saison beim Kiez-Club auf St.Pauli gastierte. Schon vor dem Anpfiff war es ungemütlich auf dem grünen Rasen. Regenfluten und Hagelschauer prasselten auf die Akteure runter, die sich beim Warmmachen anschickten die letzte Konzentrationsenergie zu bündeln. Doch der Wettergott schickte während der 90 Minuten auch immer mal wieder Sonnenstrahlen in das mit 29.546 Besuchern ausverkaufte Schmuckkästchen im Stadtteil St.Pauli. Wirklich wärmend waren aber auch die sonnigen Phasen für Spieler und Anhang des 1.FCK an diesem Nachmittag nicht. Licht und vor allem viel Schatten, ein Spiegelbild der Saison vor allem für die Protagonisten im roten Dress. Am Ende stand eine deftige 2:5 Packung auf dem Zettel. Dabei kam der FCK gut ins Spiel, führte nach einem feinen Angriff schon in der 4. Minute durch Lukas Görtler nach Zuspiel von Jon Dadi Bödvarsson mit 1:0. Aber nicht mal 90 Sekunden später glichen die Hamburger durch Startelfdebütant Ryo Miyaichi aus, erhöhten noch vor der Pause durch Lennart Thy auf 2:1 (21.).

Torjubel nach dem frühen Führungstreffer (Foto: www.der-betze-brennt.de)

Torjubel nach dem frühen Führungstreffer (Foto: www.der-betze-brennt.de)

Nach der Halbzeit ging es eigentlich unverändert weiter. Der FCK war bemüht, die Paulianer machten die Tore. Das 3:1 erneut durch den quirligen Ryo Miyiachi (57.), das 4:1 durch Sebastian Maier (72.), das 5:2 durch Christopher Buchtmann (79.). Zwischenzeitlich schaffte Ruben Jenssen den Anschluss zum 4:2 (76.). Mit einer ähnlichen Granate wie bei seinem Siegtreffer an gleicher Stelle vor zwei Jahren. Nur ein Strohfeuer, auch wenn beim ein oder anderen auf der Tribüne in jenem Moment noch einmal ein Keim von Hoffnung aufkam. „Das wird heute ein sattes 6:6“, attestierte einer unserer Nebenleute. Zugegeben, das wäre ein schmackhaftes Resultat gewesen, aber dazu fehlte dem 1.FCK an diesem Nachmittag neben den vielen Irritationen im Defensivverbund auch der Schneid in den Offensivbemühungen. Die sich ergebenden Konter wurden nicht sauber zu Ende gespielt, die ansatzweisen Möglichkeiten wurden selten zu sowas wie einer echten und zwingenden Chance herausgearbeitet. Zwar hatten vor allem Jon Dadi Bödvarsson und auch der eingewechselte Antonio Colak das ein oder andere Leder in aussichtsreicher Position noch auf dem Fuß oder am Schädel, aber Zwingendes war das nicht, was dabei heraussprang.

Betretene Stimmung bei der Mannschaft am Ende (Foto: www.der-betze-brennt.de)

Betretene Stimmung bei der Mannschaft am Ende (Foto: www.der-betze-brennt.de)

Die Hamburger machten das richtig clever und souverän. Sie standen gut in der Deckung, gut und dicht. Sie gingen bei den Lauterer Offensivaktionen beherzt dran und drauf, arbeiteten diszipliniert und giftig gegen den Ball, pressten geschickt, machten die Räume dicht. Da war häufig auch schwer durchzukommen, auch mangels kreativer und zündender Spielideen auf Lauterer Seite. Bei Ballverlust ging es auf Hamburger Seite dann oft ganz flott. Sie waren schnell, die Jungs von Ewald Lienen. Schnell im Spielaufbau, kombinationssicher, ballgewandt. Vor allem über die Außenbahnen brachten die Offensivstafetten der Hamburger die Defensivabteilung des FCK immer wieder in Verlegenheit. Bei gefährlichen Bällen und scharfen Hereingaben ins Zentrum kam vor dem Lauterer Tor immer wieder hektische Betriebsamkeit auf und ein ums andere Mal konnten die Roten Teufeln das Leder nur mit Mühe aus der Gefahrenzone entschärfen.

Applaus vor dem Gästeblock (Foto: www.der-betze-brennt.de)

Applaus vor dem Gästeblock (Foto: www.der-betze-brennt.de)

Mit etwas mehr Spielwitz ausgestattet, hätte aus der gesamten Spielanlage wirklich ein noch torreicheres Spiel werden können, denn beide Teams spielten phasenweise mit höchst offenem Visier. Leider fehlte dem FCK die Qualität in den entsprechenden Situationen die Kiez-Truppe dann mit schnellem eigenen Aufbauspiel ihrerseits in Verlegenheit zu bringen. Bis auf wenige Situationen hatten sich die Hausherren meist längst neu sortiert und die offensichtlichen Lücken zugemacht.

Den Fans schien es egal zu sein. War nach dem frühen Führungstor durch Lukas Görtler der Jubel noch groß, so hatte in der Folge manche Supportphase und Euphorie-Welle wenig Bezug zum Spiel der eigenen Akteure. Die Fans feierten sich selbst, den Vordermann, den Nebenmann, die Farben rot und weiß, den Verein, die Kultstätte am Millerntor, die Bierdusche im Nacken, das Konfetti im Becher, was auch immer. Nach dem Abpfiff holten sich die Akteure in rot dann trotzdem minutenlang noch ein paar Emotionen vor dem Gästeblock ab und so manchem der Jungs stand die Erkenntnis im Gesicht geschrieben, was für eine Party man mit diesen Fans hätte zelebrieren können, wenn in dieser Saison mehr gegangen wäre oder gar der große Wurf gelungen wäre.

Feiernder Lauterer Anhang (Foto: mg)

Feiernder Lauterer Anhang (Foto: mg)

Hätte, wenn und aber. Es hat zu vielem nicht gereicht in dieser Spielzeit. Die nächste wird ungleich schwerer. Die Konkurrenz weiterer gewichtiger Kontrahenten, die von oben und unten kommen ist groß, die eigene Mannschaft ist im Umbruch. Der neue Sportverantwortliche Uwe Stöver wird in den kommenden Wochen alle Hände voll zu tun haben, den Durst zu stillen. Den Durst der am vergangenen Sonntag mitgereisten Fan-Schar, die Sehnsucht des gesamten Fan-Lagers, der kompletten Anhängerschaft rund um den Betzenberg, die sich über die ganze Republik verteilt findet. Auch das hat man übrigens am vergangenen Sonntag wieder erfahren dürfen. Unglaublich, wie viele Anhänger des 1.FCK aus allen Ecken der nördlichen Republik zum Millerntor gereist waren, plus eben dem Gros, das aus heimatlichen Gefilden den Weg nach Hamburg gefunden hatte. Nicht einfach nur, um ein Fußballspiel zu verfolgen.

Zu Gast beim Kiez-Club (Foto: mg)

Zu Gast beim Kiez-Club (Foto: mg)

Auch wir waren aus Stuttgart, Speyer, Ludwigshafen, Philippsburg und Mainz angereist die Mannschaft zu unterstützen, halt ein paar Tage salzige Seeluft zu schnuppern und sprichwörtliche hanseatische Gelassenheit aufzunehmen. Natürlich auch, um unsere Hamburger Mitstreiter im steten Bemühen beim Kampf gegen Homophobie zu treffen. Nach dem Abpfiff also hinein in das braun-weiße Lebensgefühl. Rüber zu den Heim-Fans? Alles kein Problem. So durften wir als rot-weißer Farbtupfer noch lange nach Ende der Partie inmitten von alteingesessenen Kiez-Größen, schrägen aber extrem sympathischen Vögeln mitfeiern, mitdiskutieren und oder auch schon mal die neue Saison abchecken. Natürlich war auch die in die Hose gegangene Regenbogen-Aktion ein Gesprächsthema. Eine gute Idee, die leider gescheitert war. Der FCK war in seinen Bemühungen um die Beschaffung von Regenbogen-Schnürsenkeln glücklos das geeignete Equipment rechtzeitig beizuschaffen, der FC St.Pauli wollte erst gar nicht mitziehen und hat es dann nur auf Druck unserer Kollegen vom Kiez auf den letzten Drücker hinbekommen wenigstens die Eckfahnen mit Regenbogen-Fähnchen auszustatten. Der Beitrag der FCK-Kicker wird allerdings in der neuen Saison eine Neuauflage im heimischen Stadion erfahren. Wir werden dran bleiben.

Mit kompetenten Gesprächspartnern (Foto: mg)

Mit kompetenten Gesprächspartnern (Foto: mg)

Am Sonntag hatte sich der Gästeblock lange nicht geleert. Auch wir waren recht spät hinüber zum St.Pauli Fanladen gepilgert und hatten dort lange ausgeharrt, sehr lange. Unsere Kicker waren längst in der Maschine nach Frankfurt, als wir uns mit vielen guten Wünschen der letzten braun-weißen aus dem St.Pauli-Lager aufmachten. Schattig war’s da schon und dunkel wurde es. Über den Abend legte sich Schatten, vor allem über die Erinnerungen, die notwendig gewesen wären, um über einige Begebenheiten mehr zu berichten. Aber eine tolle Auswärtsfahrt war’s, auch wenn es noch ein wenig Zeit bedarf, bis diese Saison mit viel Schatten und wenig Licht aufgearbeitet ist und bis die Schatten in der eigenen Erinnerung erhellt und die Lücken geschlossen sind. Prost!

mg


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