Schallende Ohrfeige zum Saisonauftakt

Der 1.FCK verliert sein erstes Heimspiel mit 0:4 gegen Hannover 96

Tolle Choreographie der Westkurve vor dem Spiel! "Wir leben für unseren Verein" (Foto: Thomas Füssler)

Tolle Choreographie der Westkurve vor dem Spiel! „Wir leben für unseren Verein“ (Foto: Thomas Füssler)

Es war angerichtet. Offiziell waren 40.021 Zuschauer vergangenen Freitag zum Auftakt der Saison 2016/2017 auf den Betzenberg gepilgert. Eine tolle Kulisse! Die Verantwortlichen des 1.FCK hatten in den letzten Wochen akribisch und mit viel Leidenschaft daran gearbeitet, die Gunst des Publikums zurück zu gewinnen. Nur dreimal in allen Zweitligaspielzeiten kamen zu einem ersten Heimspiel in einer neuen Spielzeit mehr Besucher auf den Betzenberg. In der Saison 2006/2007 gegen Rot-Weiß Essen (40.051), 2007/2008 gegen Borussia Mönchengladbach (46.615) und vor zwei Jahren beim denkwürdigen Auftaktspiel gegen den TSV 1860 München (41.092). Aufbruchstimmung war eine der am häufigsten gebrauchten Metaphern der zurückliegenden Wochen. Tayfun Korkut hatte versprochen vor heimischem Publikum wieder begeistern zu wollen. Vor allem in der Anfangsphase hatten die Roten Teufel ihr Versprechen auch gehalten. Doch am Ende prangte ein bitteres 0:4 von den Videoleinwänden.

Vergab bereits in der 6. Minute die Chance zur Führung, Marcel Gaus (Foto: www.der-betze-brennt.de)

Vergab bereits in der 6. Minute die Chance zur Führung, Marcel Gaus (Foto: www.der-betze-brennt.de)

Der 1.FCK legte stürmisch los, spielte mit deutlichen Offensivakzenten und mit leidenschaftlichem Pressing gegen den Bundesliga-Absteiger und selbst erklärten Aufstiegsaspiranten. Als in der 6. Minute der aus Halle verpflichtete pfeilschnelle Stürmer Osayamen Osawe nach Zuspiel von Robert Pich den Ball quer auf Marcel Gaus legte und dieser frei stehend vor Torhüter Philipp Tschauner die Führung auf dem Fuß hatte, da hatten die Anhänger der Roten Teufel den Torschrei auf den Lippen, da schien für eine Sekunde das Stadion explodieren zu wollen. Aber eben dieser Torschrei verstummte als der nicht clever getretene Abschluss von Marcel Gaus durch den Hannoveraner Keeper entschärft werden konnte. Im Grunde für beide Teams eine Schrecksekunde. Für die Niedersachsen, weil sie augenscheinlich mit der dargebotenen Offensivwucht der Roten Teufel nicht gerechnet hatten und auch ein Stück weit überfordert waren. Für die junge Lauterer Truppe, weil ein frühes Führungstor aus einer so aussichtsreichen Position so sträflich vergeben wurde. Dennoch nicht spielentscheidend, zumal knapp eine Minute später wieder Osaymen Osawe seinen Gegenspieler Salif Sané stehen ließ und sein satter Schuss vom Gästekeeper auch nur mit Mühe entschärft werden konnte.

Starker Einstand, Neuverpflichtung aus Halle, Osayamen Osawe (Foto: Thomas Füssler)

Starker Einstand, Neuverpflichtung aus Halle, Osayamen Osawe (Foto: Thomas Füssler)

Die Jungs von Tayfun Korkut belohnten sich und ihr in dieser Anfangsphase aufopferungsvoll geführtes Spiel einfach nicht. Die Gäste kamen zusehends besser in die Partie, fanden ihre Ordnung und bereits ihr erster richtiger Offensivausflug vor den Kasten von Andre Weis führte auch zur Führung. Ein von Naser Aliji abgefälschter Ball wurde von Artur Sobiech geschickt abgeschirmt, Sebastian Maier verwandelte trocken aus kurzer Distanz. Mit dem knappen Ergebnis ging es auch in die Kabine. Bereits drei Minuten nach Wiederanpfiff bauten die Niedersachsen ihre Führung aus. Andre Weis klärte einen Kopfball von Salif Sané nach außen, Waldemar Anton fackelte nicht lange und drosch das Leder aus spitzem Winkel ins Netz. Das kann einer unerfahrenen Truppe gegen einen nominellen Favoriten passieren. Allerdings verloren spätestens nach dem zweiten Tor die Jungs von Tayfun Korkut den Faden und wohl auch den Glauben an ihre eigenen Fähigkeiten. Die Treffer drei (63. Minute) und vier (84. Minute) durch die Niedersachsen waren dann auch fast eine logische Folge im Spielverlauf gegen einen abgezockten, effizienten und erfahreneren Gegner. Die individuellen Fehler in den defensiven Schlüsselpositionen auf Lauterer Seite werden den Verantwortlichen nicht verborgen geblieben sein. Diese Schnitzer gilt es nun in den Tagen nach der derben Ohrfeige abzustellen und vor allem die Moral der Truppe wieder aufzurichten.

Marcel Gaus steigt hoch, obenauf waren am Ende nur die Niedersachsen (Foto: Thomas Füssler)

Marcel Gaus steigt hoch, doch obenauf waren am Ende nur die Niedersachsen (Foto: Thomas Füssler)

Ein Stück weit war es am Freitag letztlich genau das was gefehlt hat, die Wucht des Willens! Nicht dass die Mannschaft nach dem 0:2 Rückstand gleich nach Anpfiff der zweiten Halbzeit nicht gewollt hätte. Nein, nein, natürlich wollten die Jungs von Trainer Tayfun Korkut. Aber es reichte von der Mentalität und von der körperlichen Präsenz eben (noch) nicht, einen abgeklärten, erfahrenen Gegner durch einen Faustschlag der Moral noch einmal in Bedrängnis zu bringen. Dazu fehlte auch noch der Variantenreichtum im Lauterer Spiel, natürlich auch noch die Feinabstimmung in den Laufwegen, die Sicherheit um die wichtigsten Schnittstellen herum im Mannschaftsgefüge. Das alles ist trainierbar. Abgebrühte Rotznasen-Mentalität, als wichtige Grundlage, um beispielsweise freistehend vor dem gegnerischen Keeper einen Ball auch mal eiskalt zu versenken, schon weniger. Für diese Form von mentaler Stärke braucht es mehr als ein paar Trainingseinheiten. Dazu gehört Charakterfestigkeit, die man im derzeitigen Team keinem einzigen Akteur absprechen möchte und kann. Dazu gehören gute Motivatoren und Motivationsprozesse, die Sicherheit und vor allem Selbstvertrauen steuern oder mit beeinflussen können. Und dazu gehört auch ein gesundes und stabiles Umfeld. Daher können in den nächsten Wochen auch die Tribünen ihren Teil dazu beitragen, dass hier etwas wachsen und sich entwickeln kann.

Auf den Rängen erstligareife Leistung. Über 40.000 waren zum Saisonauftakt da! (Foto: Thomas Füssler)

Auf den Rängen erstligareife Leistung. Über 40.000 waren zum Saisonauftakt da! (Foto: Thomas Füssler)

Auffällig war am Freitagabend natürlich auch, dass Schiedsrichter Wolfgang Stark in den 90 Minuten nicht ein einziges Mal den gelben Karton zückte! Klar, Fairplay geht vor und niemand kann ernsthaft erwarten, dass hier künftig unschöne Holzhacker-Mentalität Einzug hält. Wer aber alte FCK-Tugenden beschwört, der muss auch grade am Betzenberg mit in die Waagschale werfen, dass angeschossene, angezählte Rote Teufel sich mit allem wehren was die Physis hergibt. Mit Gift und Galle! Vor allem in der Defensive und da dürfen gern auch Zweikämpfe mal etwas rassiger und akzentuierter geführt werden. Die Kulisse wird es entsprechend quittieren, hüben wie drüben und davon lebte ja letztlich auch in der Vergangenheit die Hölle Betzenberg!

Muss die richtige Richtung in den nächsten Wochen finden, Trainer Tayfun Korkut (Foto: Thomas Füssler)

Muss die richtige Richtung in den nächsten Wochen finden, Trainer Tayfun Korkut (Foto: Thomas Füssler)

Unter den 40.021 Besuchern waren gefühlt auch rund 15.000 Skeptiker, die hinterher in den Umläufen des Stadions oder auf dem Weg vom Berg hinunter in die Stadt das alles natürlich schon vorher wussten. Die zu überzeugen auch beim zweiten und dritten Heimspiel wieder den Weg ins Stadion zu finden, wird nur über die sportliche Leistung und über Ergebnisse gehen können. Denn in den kommenden Wochen geht es Schlag auf Schlag. Für langatmige Vorstands-Tingel-Touren, aufwändige Marketing-Tools und intensive Fan-Nähe-Momente bleibt da bestenfalls flankierend Raum und Zeit. Dessen dürften sich auch alle rund um den Berg bewusst sein.

Doch wie wird es mit der Gunst des Publikums weitergehen? Vieles hängt wie gesagt vom sportlichen Abschneiden der Mannschaft vor der nächsten Heimpartie gegen Düsseldorf ab. Nach Würzburg werden ganz sicher weit mehr als 1.500 Lauterer den FCK begleiten. Das offizielle Kartenkontingent für Gäste war binnen weniger Stunden vergriffen. Doch die Lauterer Fangemeinde dürfte sich auch bereits lange vor dem offiziellen Verkaufsstart und auch in den Tagen danach noch über andere Quellen bedient haben. Es wäre insofern nicht verwunderlich, wenn locker 2.500 Pfälzer Schreihälse die Roten Teufel nach Würzburg begleiten werden.

Die Mannschaft wird trotz deftiger Niederlage von der Kurve respektvoll und aufmunternd verabschiedet (Foto: www.der-betze-brennt.de)

Die Mannschaft wird trotz deftiger Niederlage von der Kurve respektvoll und aufmunternd verabschiedet (Foto: www.der-betze-brennt.de)

Wenn es gelingt beim Aufsteiger in der Residenzstadt am Main und am Wochenende drauf im DFB-Pokal beim Halleschen FC nicht nur zu bestehen, sondern auch zu überzeugen, dann dürften auch zum Heimspiel gegen Düsseldorf wieder mehr als 30.000 ins Fritz-Walter-Stadion kommen. Trotz der ungeliebten Terminierung an einem Montagabend. In der Mannschaft steckt noch eine Menge Potential, das noch nicht zur Geltung kommt und dessen finale Reife noch fehlt. Erfahrung und spielerische Akzente sollen durch weitere Neuverpfichtungen noch beigemischt werden. Auch daran wird bekanntermaßen gearbeitet. Verzweifeln wir also trotz der Klatsche beim Auftaktmatch nicht. Bleiben wir besonnen und tun wir auf Fanseite das, was uns möglich ist. Tatkräftige, vorbehaltlose und vor allem emotionale Unterstützung! Aber auch das geht vorrangig, hörbar und fühlbar nur an einer Stelle. Im Stadion!

mg


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