Mol annerschd uff die Annere geguckt – VfL Bochum

Bunter Traditions-Club und mehr als graue Maus im Schatten der Großen im Revier

Für mehr Zivilcourage & gegen Diskriminierung. Aktion Dafür! Dagegen! (Foto: VfL Bochum)

Für mehr Zivilcourage & gegen Diskriminierung. Aktion „Dafür! Dagegen!“ (Foto: VfL Bochum)

Morgen Abend gastiert der VfL Bochum auf dem Betzenberg! Wohl einer der ältesten Vereine im bezahlten Profifußball. Im offiziellen Vereinsnamen wird immerhin das Jahr 1848 als augenscheinliches Gründungsjahr geführt! Wenn also allein die langjährige Vereinsgeschichte Tradition bestimmt, dann hätten die Revier-Kicker unserem FCK ganze 52 Jahre voraus! Auf jeden Fall sind mehr als 150 Jahre Vereinshistorie ein strammes Brett. Dennoch gibt es den VfL nach eigenem Bekunden in seiner heutigen Form erst seit 1938. Im April schlossen sich damals Germania, TuS und Turnverein Bochum zum VfL Bochum 1848 zusammen. Im Sommer 1949 gliederte sich die Fußballabteilung dann als selbstständiger Teil im Verein aus. Gefühlt darf man dem Verein das Prädikat Kult-Club dennoch getrost attestieren. So hat auch Dauerbrenner Herbert Grönemeyer in seiner Hommage an die Stadt Bochum mit „Tief im Westen“ auch dem VfL zumindest stimmlich ein Denkmal gesetzt (…machst mit ’nem Doppelpass jeden Gegner nass Du und Dein VfL…).

Gästeblock, Heimspiel des 1.FCK gegen den VfL Bochum, Saison 2013/2014 (Foto: www.der-betze-brennt.de)

Gästeblock, Heimspiel des 1.FCK gegen den VfL Bochum, Saison 2013/2014 (Foto: www.der-betze-brennt.de)

Dennoch begleiten den Gast von der Castroper Straße in Bochum morgen leider nur rund 100 eigene Fans. Der VfL hatte sich am Betzenberg schon stimmgewaltiger präsentiert! Die Prognose die Roten Teufel würden bei einer Auswärtspartie an einem Montagabend locker um die 800 Begleiter mit ins Ruhrgebiet locken, dürfte nicht gewagt sein. Obwohl sich die Fanszene des Revierclubs durchaus sehen lassen kann. Schade daher, dass die morgige Unterstützung wohl eher mau ausfallen wird! Immerhin 221 offizielle Fanclubs haben sich seit den 1970er Jahren rund um den VfL organisiert, in denen rund 4.500 Fans für ihren Herzensverein die Fahne hochhalten. Die „Bochumer Jungen“ sind der älteste Fanclub, gegründet im Jahr 1972. Der Verein selbst zählt derzeit rund 7.300 Mitglieder und hat in der laufenden Saison etwa 4.500 Dauerkarten verkauft. Seit dem letzten Abstieg aus der 1. Bundesliga im Jahr 2010 spielt der Verein im sechsten Jahr in Folge in Liga zwei. Der Konkurrenzdruck um die Gunst der Anhänger im Ruhrpott scheint groß. Neben Schalke 04 und Borussia Dortmund in der ersten Liga, buhlen zahlreiche andere namhafte Vereine um Stadionbesucher und jeder Verein will der „kultigste“ sein. Entlang der A40 tummeln sich auf einer Strecke von nur 60km allein mit dem MSV Duisburg, Rot-Weiß Oberhausen, Rhenania Bottrop, Rot-Weiß Essen, Schalke 04, der SG Wattenscheid 09, dem VfL Bochum, Westfalia Herne und Borussia Dortmund klangvolle Vereinsnamen und geballte Fußballkultur! Wobei die hier aufgeführten nur die namhaftesten sind! Dennoch will auch Kult-Fanbetreuer Dirk „Moppel“ Michalowski nichts von „Wechsel-Symptomen“ aus den eigenen Reihen wissen, die ganze Scharen von Fans mal hierhin oder dorthin wandern ließen. Die Fangemeinde des Revier-Clubs sei treu und bodenständig. „Wenn dat beim VfL ma nich läuft, dann bleibt der Fan verärgert und verbittert auf’n Soffa sitzen. Der geht nich woanders hin!“

Leitbild, Idenditäts-Kodes und Bekenntnis zum Revier-Club (Foto: VfL Bochum)

Leitbild, „Idenditäts-Kodex“ und Bekenntnis zum Revier-Club (Foto: VfL Bochum)

Diese augenscheinliche Geschlossenheit ist vielleicht auch ein Grund dafür, dass gerade dort so etwas wie ein gemeinsamer Identifikations-Kodex entstehen konnte. Auf ihr Leitbild als Bekenntnis zum VfL können die Bochumer stolz sein. Auch weil hier eine breite Basis beteiligt war und ein intensiver Dialog zum Ergebnis beigetragen haben. Dem finalen Ergebnis des Leitbildes im Jahr 2007 war ein immerhin zweijähriger, nicht immer einfacher, aber demokratischer Prozess vorausgegangen. Daran dürften sich so  ziemlich alle beteiligt haben, die sich dem VfL verbunden fühlten und fühlen. Fans, Fanprojekt, Vereinsangestellte, Spieler, Funktionäre, Sponsoren, Künstler, Journalisten, Politiker, Wirtschaftsvertreter, einfach alle, die sich zum Verein bekennen. Der VfL Bochum war der erste Proficlub bundesweit, der einen solchen Bottom-Up-Leitbildprozess auf den Weg gebracht und umgesetzt hat. Die ersten Ideen dazu gab es schon 2003. Initiator war der Wirtschaftswissenschaftler und heutige geschäftsführende Vorsitzende von Rot-Weiß Essen, Michael Welling, der bis 2007 auch als Assistent des Vorstandes beim VfL Bochum agierte. Treibende Kräfte des Leitbildprozesses waren aber auch Stefan Kuntz, von 2006 bis 2008 Manager beim VfL und Ansgar Schwenken, von 1996 bis 2014 in verschiedenen Funktionen beim VfL tätig. Auch Christian Gruber, von 2004 bis Ende 2008 Pressesprecher beim VfL, ehe er im Januar 2009 als Leiter der Presseabteilung zum 1.FCK wechselte, wirkte bei der Entstehung des Leitbildes mit. Neben Erhebungen über Fragebögen haben auch intensive Diskussionsabende und zähe Gesprächsrunden als methodische Instrumente zur Ergebnisfindung beigetragen.

"Hier wo das Herz noch zählt", Initiative "Schuloffensive" (Foto: VfL Bochum)

„Hier wo das Herz noch zählt“, Initiative „Schuloffensive“ (Foto: VfL Bochum)

Aus dem Leitbild heraus schuf der VfL Bochum gemeinsam mit einigen Charity-Partnern die Initiative „Hier wo das Herz noch zählt“ (HWDHNZ). Eine Fan-Dachorganisation, in der sich mittlerweile zahlreiche, teilweise auch bereits ältere und sonst eigenständige Gruppierungen und Initiativen tummeln. Kinder oder Hilfe für Kinder stehen vor allem bei der „Aktion Glück auf“ immer wieder im Fokus oder im Vordergrund. Dazu gehört auch das regelmäßige Bemühen um die Fans der Zukunft. Beispielsweise mit der Initiative „Schuloffensive – Bochum macht blau-weiss“, wo auch regelmäßig Besuche von just eingeschulten Grundschulklassen zur Philosophie gehören. Oder die Initiative „Bobbiklub“, dem Pendant zur Teufelsbande auf Seiten des 1.FCK. Gemeinsam mit dem Bochumer Fanprojekt werden unter der Überschrift „Dafür! Dagegen!“ regelmäßig Aktionen gegen Diskriminierung umgesetzt. Auch die Zusammenarbeit der Bochumer Fanbetreuung und der Fanszene mit dem Fanprojekt Bochum ist über die ganze Saison hinweg sehr eng. Einmal pro Jahr ziehen sich Fanbetreuung und Fanprojekt gemeinsam komplett aus dem Geschehen raus und schotten sich für ein Wochenende ab, um eine umfassende Bestandsaufnahme vorzunehmen, intensiven Austausch zu betreiben und zu schauen, wo man weitere Verbesserungen bei der gemeinsamen Fanarbeit oder bei Projekten auf den Weg bringen könne. „Das hat modellhaften Charakter, es gibt nicht viele, die so eng zusammen arbeiten“, betont Fanbetreuer Dirk Michalowski im Gespräch nicht ohne Stolz.

Spielstätte des VfL Bochum, rewirPOWER Stadion an der Castroper Straße (Foto: Fanprojekt Bochum)

Spielstätte des VfL Bochum, rewirPOWER Stadion an der Castroper Straße (Foto: Fanprojekt Bochum)

Ähnlich sieht das auch Dipl.-Sozialarbeiter Ralf Zänger, Leiter des bereits 1992 gegründeten Bochumer Fanprojektes. So ziemlich alle Gruppen und Gruppierungen aus der Bochumer Fanszene finden sich dort wieder. Bei der Breite der Angebote sollte auch für jeden etwas dabei sein. Neben dem klassischen Bezug zum Fußball mit Hallenzauber, Streetsoccer, Beachsoccer oder dem Fanclub-Cup, finden sich allerdings auch jede Menge Angebote mit Bildungscharakter. Dazu gehören regelmäßige Lesungen, Podiumsdiskussionen zu aktuellen Themen, politische Bildung oder die Aktionsreihe Soccer meats learning, wo unter heranwachsenden Jugendlichen unter anderem auch das Wesen von Fairplay vermittelt werden soll. Problemgruppen könne man in dem facettenreichen Gemenge zwischen einfacher Fan-Präsenz im Stadion und zeitintensivem Engagement in komplexen Fan-Aktionen nicht ausmachen. Die im Jahr 2014 mit rechten Tendenzen auffällig gewordene Gruppe „Brigade Bochum“ existiere zwar heute noch, aber der Verein hat nach konkreten Vorfällen eindeutig die gelbe Karte gezeigt. Ansonsten habe sicher auch ein innerer Selbstreinigungsprozess für andere Verhältnisse gesorgt. „Vielleicht reagiert in einer Arbeiterstadt wie Bochum die breite Mehrheit hier etwas sensibler auf solche Positionierungen“, interpretiert Sozialarbeiter Ralf Zänger die Tatsache, dass es sonst kaum Auffälligkeiten oder eine signifikante rechte Fanszene gebe. Nur wenige Kilometer weiter, beim schwarz-gelben Nachbarn aus der ersten Liga muss man hier leider andere Erfahrungen machen!

Das Team des Bochumer Fanprojektes (Foto: VfL Bochum)

Das Team des Bochumer Fanprojektes (Foto: VfL Bochum)

Für einen außenstehenden mutet ein Aspekt dann allerdings doch etwas befremdlich an. Wir fragen also konkret nach, woher denn die für viele Fußballfans der Republik etwas seltsam anmutende Fanfreundschaft mit dem großen FC Bayern komme? Das gehe auf eine Partie aus dem Jahr 1972 in Bochum zurück, als eine Gruppe Bayern-Fans auf dem Weg zum Bochumer Bahnhof doch arg in Bedrängnis kam. Es waren Bochumer Fangruppen, die schlichteten und die dann die Bayern-Fans zum gemeinsamen Umtrunk noch in eine Fankneipe einluden. Zum Dank durften dann Bochumer Fans beim Rückspiel mit Fahnen und Transparent im Olympiastadion auf die Tartanbahn. Das sei der Ausgang der Fanfreundschaft gewesen, die mittlerweile zwischen den Bochumer Ultras und vor allem der Münchner Ultra-Gruppierung „Schickeria München“ wieder etwas mehr gepflegt wird, als noch vor einigen Jahren. Fanbetreuer Dirk Michalowski fügt allerdings mit einem hörbaren Lachen noch hinzu, „wohlgemerkt, das ist nur eine Fanfreundschaft, ich habe mit einem Herrn Rummenigge nichts zu tun!“

Graffiti-Projekt des Fanprojektes Bochum (Foto: Fanprojekt Bochum)

Graffiti-Projekt des Fanprojektes Bochum (Foto: Fanprojekt Bochum)

Einen schwul-lesbischen Fanclub gibt es in der Bochumer Fanszene nicht oder besser gesagt, es gibt ihn nicht mehr. Der im Jahre 2009 aus der Rosa Strippe e.V. heraus gegründete Fanclub Queerpass Bochum ist mittlerweile von der Bildfläche verschwunden. Die queeren Akteure des Fanclubs waren zumindest am Anfang ambitioniert genug auch den Queer Football Fanclubs (QFF) beizutreten. Doch grade im Jahr des Beitrittsantrages, Ende 2011, wurde der Fanclub wieder aufgelöst. „Das würde sehr gut in unsere Fanlandschaft passen“, zeigt sich Michalowski bedauert, über die gescheiterte Initiative. Die wirklichen Gründe für die Auflösung der Fangruppe kenne man allerdings nicht. Also, Jungs und Mädels….hurtig, hurtig, der Revier-Club wünscht sich einen rosa Farbtupfer!

mg


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