Mol annerschd uff die Annere geguckt – VfB Stuttgart

Die Schwaben kommen und mit ihnen eine Heerschar einer bunten Fankultur

Die Fans aus der Cannstatter Kurve (Foto: Stuttgarter Junxx e.V.)

Die Fans aus der Cannstatter Kurve (Foto: Stuttgarter Junxx e.V.)

Es wird voll am Samstag auf dem Betzenberg, sehr voll! Gut und gerne 45.000 Tickets sind bereits über den Ladentisch gegangen. Ein alter Bekannter aus Erstligazeiten gastiert im Fritz-Walter-Stadion. Der VfB Stuttgart kommt. Der Absteiger aus der ersten Liga wertet sein Gastspiel in Liga zwei vermutlich ähnlich wie seinerzeit die Verantwortlichen des 1.FCK, als die Roten Teufel 1996 erstmals den Abstieg ins Unterhaus verkraften mussten. Quasi ein Betriebsunfall. Man will möglichst schnell wieder hoch, am besten gleich und am besten direkt! Ob dies den Verantwortlichen gelingt, das überzeugt zu prognostizieren, dafür ist die Saison noch zu jung. Zumal sich die Verantwortlichen die Ausbeute aus bislang vier Ligaspielen sicher auch etwas anders vorgestellt haben dürften. Zwei Siegen stehen nämlich auch bereits zwei Niederlagen gegenüber, unter anderem verloren die Schwaben die letzte Heimpartie und das gegen den schwäbischen Nachbarn aus Heidenheim! David gegen Goliath und der Zwerg hat die Partie für sich entschieden. Gestern hat nun auch noch Trainer Jos Luhukay nach nur vier Monaten Amtszeit hingeschmissen. Turbulent geht es zu bei den Schwaben, nicht erst seit gestern.

Langjähriger Fanbetreuer des VfB, Ralph Klenk (Foto: VfB Stuttgart 1893 e.V..)

Langjähriger Fanbeauftragter des VfB, Ralph Klenk (Foto: VfB Stuttgart 1893 e.V..)

In der Fanszene sind dennoch die Euphorie und die Zuversicht ungebrochen groß, dass nach dem bitteren Abstieg schon in der aktuellen Saison die Rückkehr ins Oberhaus gelingt. Wie groß sich diese Zuversicht anfühlt, zeigen auch Verlauf und Stand des Ticketverkaufs für die Partie am kommenden Samstag auf dem Betzenberg! Stand gestern waren im Online-Ticketshop des FCK auf der Westtribüne noch fast doppelt so viele Karten verfügbar wie auf der Osttribüne. Der VfB hat ein treues Publikum und schon aufgrund der räumlichen Nähe war klar, dass der gefühlte Erstligist sein offizielles Kartenkontingent für den Gästebereich wohl komplett ausschöpfen wird. Aber darüber hinaus werden wohl deutlich mehr Anhänger des Traditionsvereins mit dem roten Brustring auf den altehrwürdigen Betzenberg pilgern. Im Verlauf der letzten zwei Wochen gingen die Kontingente auf der gesamten Osttribüne weg wie warme Semmeln. Aber auch in den zur Osttribüne angrenzenden Blöcken der Nord- und Südtribüne waren die Plätze viel schneller vergriffen als bei Gastspielen anderer Mannschaften. Signifikanter und schneller als die Kontingente im Westen und den übrigen Bereichen im Stadion. Da werden wohl deutlich mehr als 10.000 schwäbische Anhänger das Traditionsduell sehen wollen.

Die Stuttgarter Junxx, seit 2004 fester Bestandteil der schwäbischen Fanszene (Foto: Stuttgarter Junxx e.V.)

Die Stuttgarter Junxx, seit 2004 fester Bestandteil der schwäbischen Fanszene (Foto: Stuttgarter Junxx e.V.)

Es ist eine bunte Fanszene, die uns da einen Besuch abstatten wird. Immerhin rund 425 offizielle Fanclubs weiß der VfB hinter sich, mit rund 18.000 organisierten Anhängern, in etwa so viele, wie der 1.FCK Mitglieder hat. In den Reihen der organisierten Fanclubs finden sich auch zwei große Ultragruppen und mittlerweile mehrere kleinere, die derzeit im Wachstum begriffen sind. Mit mehr als 45.000 Mitgliedern ist der VfB Stuttgart auch gleichzeitig der größte Sportverein im Land Baden-Württemberg! Ein stolzer Verein der VfB Stuttgart, mit einer langen Geschichte. Schon sieben Jahre vor unserem 1.FCK hat der Club das Licht der Welt erblickt. Die Verantwortlichen blicken heute auf immerhin fünf Deutsche Meisterschaften zurück, nämlich 1950, 1952, 1984, 1992. Die letzte datiert aus dem Jahr 2007. Dazu auch bereits drei Pokalsiege (1986, 2007, 2013) und einmal hat man den Supercup gewonnen (1992). Gewisse Ähnlichkeiten mit den größten Erfolgen der Roten Teufel lassen sich hier durchaus abbilden. Ähnlich wie beim Traditionsclub aus der Pfalz begann das Titelsammeln in den 1950er Jahren. Die älteren werden sich sicher auch noch an die umkämpften Duelle aus jenen Jahren erinnern. Auch die späteren Liga-Titel waren kein Selbstläufer und stellten sich längst nicht so erwartet ein, wie es das bei der Titeljagd eines FC Bayern ist oder wie es bei der Borussia aus Dortmund war, als die ihre wirklich starken Jahre hatten und die Liga dominierten.

Vereinsentwicklung hin zuLeitbild und Mitgliederidentität (Grafik: VfB Stuttgart 1893 e.V..)

Vereinsentwicklung hin zu Leitbild und Mitglieder-Identität (Grafik: VfB Stuttgart 1893 e.V..)

Zurück zu den Fans. Eine bunte Mixtur tut sich da auf, wenn man sich mal die lange Liste der Fanclubs anschaut. Ganz ähnlich wie wir es beim 1.FC Kaiserslautern vorfinden. Das reicht heute von der Ultra-Gruppe bis zum gemütlichen Weinstammtisch, wo die altgedienten VfB-Herren, die nicht mehr so oft ins Stadion „daggle doa on bei oime Vierdele oin’r schlozze dään!“ Haben wir in der Pfalz auch. Wesentlicher Unterschied, die Gläser sind bei uns entschieden größer. Mit den kleinen Trink-Gefäßen der Schwaben und Württemberger kann der gemeine Pfälzer nix anfangen. Damit macht man sich nur die Augen kaputt! Ach ja, die Badener mögen sie übrigens auch nicht, da drüben in Schwaben. Das ist auf der linken Rheinseite nicht viel anders. Vielleicht schweißt auch das ein wenig zusammen. Trotz aller Parallelen und Ähnlichkeiten! Beides sind zwar höchst authentische Vereine, aber es bestehen eben wesentliche Unterschiede. Beide Fanlager pflegen eine durchaus gesunde aber tragbare Rivalität. Die häufig zitierte oder gar beschworene Fanfreundschaft zwischen dem VfB Stuttgart und dem 1.FC Kaiserslautern beschränkt sich indessen seit jeher vor allem auf kleinere Gruppierungen innerhalb der Fanszene beider Vereine, erfahren wir im Gespräch mit dem VfB-Fanbeauftragten Ralph Klenk (51), in der Fanszene auch liebevoll „Klenky“ genannt. „Die Anfänge waren eine Sache älterer Hooligan-Gruppen auf Stuttgarter und Lauterer Seite“, weiß Klenk zu berichten. Die Sichtbarkeit eines Miteinanders wurde lange nur von einer überschaubaren Anzahl Fans aus beiden Lagern hoch gehalten, so beispielsweise bei der Motto-Wahl auf T-Shirts oder anderen Fanutensilien. Von einer echten Fanfreundschaft sprechen beide Vereine indessen bis heute nicht. Dennoch tauchen in sozialen Netzwerken oder in einschlägigen Fan-Foren der Lager beider Vereine immer wieder Hinweise zu einer entsprechenden Verbindung auf. „In den letzten Jahren zeichnet es sich ab, dass auch andere Fangruppen, unter anderem auch Ultragruppen, eine Annäherung suchen“, weiß Ralph „Klenky“ Klenk zu berichten. Warum auch nicht! Wie schon ausgeführt, gewisse Gemeinsamkeiten sind den beiden Vereinen aus der Vergangenheit ja nicht abzusprechen.

Als schwul geoutete VfB Ikone, Thomas Hitzlsperger (Foto: Stuttgarter Junxx e.V.)

Als schwul geoutete VfB-Ikone, Thomas Hitzlsperger (Foto: Stuttgarter Junxx e.V.)

Ob man in der Fanszene in Stuttgart mittlerweile auch eine wachsende Rechtsoffenheit verzeichnen könne, wollen wir wissen. „Der Fußball ist ein Spiegelbild der Gesellschaft und somit gibt es auch leider Fans, die eher rechts orientiert sind“, erläutert Klenk. Allerdings große organisierte Gruppen mit Zuständen wie sie aktuell beispielsweise in Dortmund auftreten, habe man in Stuttgart Gott sei Dank nicht. Es ginge eher um kleinere Grüppchen oder Einzelpersonen mit eher unauffälligem oder unspektakulären Verhalten. „Unsere Fanszene ist, wenn man überhaupt von politisch reden kann, eher links orientiert. Da spielen schon mehr die Ultras eine Rolle“, betont der VfB-Fanbetreuer. Da wundert es auch nicht, dass der schwul-lesbische Fanclub Stuttgarter Junxx in der baden-württembergischen Landeshauptstadt eine echte Erfolgsstory wurde und mittlerweile eine feste Größe in der Fankultur der Schwaben einnimmt. Bereits im Oktober 2004 wurde die queere Truppe mit der namentlichen Reminiszenz an den ersten Fanclub selbiger Couleur in Berlin, gegründet. Im Februar 2005 erfuhr man dann die offizielle Anerkennung des Vereins. Seit 2007 sind die Stuttgarter Junxx auch ein eingetragener Verein, mit dem klar definierten Satzungsziel „Gewalt, Rassismus und Diskriminierung entgegenzutreten“.

Nackte Tatsachen! Illustres Kalenderprojekt des Fanclubs (Foto: Stuttgarter Junxx e.V.)

Nackte Tatsachen! Illustres Kalenderprojekt des schwul-lesbishen Fanclubs (Foto: Stuttgarter Junxx e.V.)

Mittlerweile vereint der Fanclub 92 Mitglieder in seinen eigenen Reihen. Männer, Frauen, Schwule, Lesben, Heteros, Transidente Menschen. Eine wirklich schöne Mischung! Darunter übrigens auch Vertreter aus der Kommunal-, der Landes- und der Bundespolitik, wie beispielsweise Stefan Kaufmann, CDU-Bundestagsabgeordneter. Anfänglich habe der Fanclub halt nur eine Anlaufstelle für Gleichgesinnte sein wollen, mit der Idee als Schwule und Lesben gemeinsam Spiele des VfB zu besuchen, berichtet Vorstandsmitglied Jens Kohler, der mittlerweile auch Mitglied des VfB-Fanausschusses ist und dort die Fan-Rubrik „Minderheiten“ vertritt. „Mit dem Bedürfnis gegen Homophobie was auf die Beine stellen zu wollen und was zu machen, war es dann doch sinnvoller mit der Eintragung ins Vereinsregister der ganzen Sache einen offiziellen Anstrich zu verleihen“, betonte Jens Kohler, der seit 2007 bei den Stuttgarter Junxx mitmischt. Die Absichten des Fanclubs waren von Anfang an identisch mit denen in Kaiserslautern oder anderswo. Gleichgesinnten eine Heimat geben, den eigenen Verein unterstützen. Aber eben auch, das Thema Homophobie öffentlich diskutieren und sich entschieden dagegen positionieren. Homophobe Vorfälle und dringende Aufklärung gab es damals regelmäßiger. Laut dem Fanbeauftragten Klenk allerdings seit Jahren keine besonders nennenswerten Vorkommnisse mehr. „Wenn sowas passiert erfahren wir hier auch durchaus Unterstützung von Ultragruppen“, weiß Jens Kohler zu berichten. Konkrete Zusammenarbeit mit den Ultragruppen nach dem Modell in Mainz gebe es allerdings nicht. Eher ein unverbindlicher, kurventypischer Zusammenhalt, der mitunter auch der viel zitierten Form der „Selbstreinigung der Kurve“ dient.

Regelmäßige Teilnahme am CSD Stuttgart (Foto: Stuttgarter Junxx e.V.)

Regelmäßige Teilnahme am CSD Stuttgart (Foto: Stuttgarter Junxx e.V.)

In einer so großen Stadt wie Stuttgart bieten sich für einen schwul-lesbischen Fanclub neben Aktivitäten im Stadion auch noch ganz andere Möglichkeiten. Seit Jahren nehmen die Stuttgarter Junxx auch regelmäßig am CSD (Christopher Street Day) teil, zu dem der ehemalige Präsident und heutige Ehrenpräsident Erwin Staudt im Jahr 2009 sogar die Schirmherrschaft übernommen hatte. „Der VfB hat uns bei unserer CSD-Teilnahme über viele Jahre auch immer unterstützt. Selbst mit bereit gestellten Kleinigkeiten, die wir dann werbewirksam unter die Leute bringen konnten. Das hat man jetzt mit dem Abstieg und den neuen Verantwortlichen etwas zurückgefahren“, bedauert Jens Kohler den neuen Wind der in Cannstadt weht. Aber sie machen auch ganz andere Sachen, die Jungs aus Stuttgart. Was jeder andere Fanclub auch macht, Weihnachtsfeier, Grillfeste und regelmäßigere Auswärtsfahrten. „Wir sind zwar nicht bei jedem Auswärtsspiel mit am Start, aber doch bei ziemlich vielen. Gerade in Liga zwei ist das mit den Anstoßzeiten eben nicht immer möglich“, betont Jens Kohler. Man engagiert sich politisch, Arbeitet aktiv in der Fanszene mit oder setzt auch mal illustre Projekte um, wie 2013 die Auflage eines Kalenders mit vielen nackten Tatsachen.

Das Logo der Stuttgarter Junxx (Foto: Stuttgarter Junxx e.V.)

Das Logo der Stuttgarter Junxx (Bild: Stuttgarter Junxx e.V.)

Aber in Stuttgart geht es aktuell nicht nur durch den Trainerrücktritt turbulent zu. Insgesamt rumort es in der Stadt im Talkessel. Bei Fans und bei Mitgliedern. Ähnlich wie in Kaiserslautern liegen seit Jahren Pläne in der Schublade, den Profifußball aus dem Verein ausgliedern zu wollen. Ein vor Jahren zementiertes Leitbild soll das Fundament bilden die Identität zu einem Verein mit 123 Jahren Geschichte nicht zu verlieren. Der aktuelle Prozess, bei dem vorrangig die Mitglieder gefordert sind, bekam mit dem Abstieg einen leichten Dämpfer, ist aber noch in vollem Gange. Einer Situationsanalyse im Spätjahr 2015 folgten im Frühjahr 2016 zweimal 11 Regionalkonferenzen, denen im Februar 2016 eine Zukunftswerkstatt zwischengeschaltet war. Ergebnis ist unter anderem ein Forderungskatalog der Mitglieder mit 89 Punkten, die bei der Mitgliederversammlung im Oktober Gegenstand der Diskussionen sein werden. Fühlt sich transparent, offen und demokratisch an. Zumindest was die flankierenden Diskussionen und die Vorgehensweise betrifft, die Mitglieder hier zu partizipieren, dürfen die Verantwortlichen aus Kaiserslautern gern mal ins Schwabenland schielen und vielleicht ein bisschen was vom dort begonnenen Prozess in die Pfalz projizieren. Man darf gespannt sein, was am Ende bei dem Thema Ausgliederung rauskommt. Bei beiden Vereinen.

Auch auswärts häufig unterwegs, der harte Kern der Stuttgarter Junxx (Foto: Stuttgarter Junxx e.V.)

Auch auswärts häufig unterwegs, der harte Kern der Stuttgarter Junxx (Foto: Stuttgarter Junxx e.V.)

Auch am morgigen Samstag wird die regenbogenbunte schwäbische Truppe mit immerhin 8 reisefreudigen Mitgliedern den Betzenberg erklimmen. Vielleicht auch so rechtzeitig, dass wir unsere schwäbischen Mitstreiter auch noch ins FCK-Museum entführen können! Klar, dass trotz der turbulenten Woche im Schwabenland auch unter unseren Kollegen und Kolleginnen aus Stuttgart Optimismus herrscht, die drei Punkte sicher vom Betzenberg mitnehmen zu können. Favorit sind sie sicher, die Schwaben mit dem Brustring und willkommen heißen wir Euch auch. Aber geschenkt bekommt Ihr trotzdem nix! Auf ein gutes Spiel.

mg

 


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