Mol annerschd uff die Annere geguckt – FC Union Berlin

Der Berliner Arbeiter-Club mit ausgeprägter Alternativkultur

Union-Fankurve in der Alten Försterei (Foto:mg)

Union-Fankurve in der Alten Försterei (Foto:mg)

Ab morgen rollt auch in Liga zwei wieder der Ball. Zum Auftakt nach der Winterpause gastiert am Freitagabend der FC Union Berlin auf dem Betzenberg. Ein Verein, bei dem mit Fabian Schönheim und Benjamin Köhler zwei Profis im Kader stehen, die auch für den FCK bereits die Fußballschuhe geschnürt haben. Laut 1.FCK werden rund 350 Fans die Mannschaft aus Berlin Köpenick begleiten. Der treue Kern einer facettenreichen Fanszene, die in den zurückliegenden Jahrzehnten in vielerlei Hinsicht immer wieder für Gesprächsstoff gesorgt hat. Natürlich gastiert da morgen auch ein Verein mit wechselvoller Geschichte. Im Januar dieses Jahres durfte der alteingesessene Arbeiterclub sein 50. Vereinsjubiläum nach der Neugründung am 20.01.1966 feiern. Davor liegen Jahrzehnte mit diversen Vorgängervereinen, die allzu oft Spielball sportpolitischer Strategien oder bisweilen Instrument der großen Politik waren und wo oft wechselhafte sportliche und wirtschaftliche Situationen über Aufblühen oder Verwelken entschieden. Union liegt zwar im Berliner Bezirk Treptow-Köpenick, entstand in seinen Ursprüngen jedoch im Stadtteil Oberschöneweide, nordwestlich vom heutigen Stadion-Standort an der Alten-Försterei gelegen. Das Schmuck-Kästchen ist mit einem Fassungsvermögen von 22.012 Besuchern heute übrigens das größte reine Fußballstadion auf dem Berliner Stadtgebiet.

Die Vorgängervereine des heutigen FC Union trugen jahrzehntelang den eigentlichen Stadtteilnamen im Vereinslogo und im Clubnamen. So dauerte es auch rund vierzig Jahre, ehe aus dem alten FC Olympia Oberschöneweide (1906), der SC Union Oberschöneweide (1909), SG Oberschöneweide (1945), SG Union Oberschöneweide (1948), Betriebssportgruppe (BSG) Motor Oberschöneweide (1951), SC Motor Berlin (1955), TSC Oberschöneweide (1957) sowie TSC Berlin (1963) und dann letztlich mit der Neugründung am 20. Januar 1966 der heutige FC Union Berlin wurde. Obwohl das nach den Regularien der Hüter des DDR-Sports so eigentlich gar nicht gewollt war. Immerhin sahen die sozialistischen Planspiele bei der Neuordnung des DDR-Fußballs vor, Leistungszentren in Form von Fußballclubs zu gründen. Dazu die Vorgabe, dass es in jedem DDR-Bezirk nur noch einen Fußballclub geben sollte. In Ost-Berlin existierten mit dem BFC Dynamo Berlin (Staatssicherheit) und dem FC Vorwärts Berlin (Armee) bereits zwei Leistungszentren. Aber der Forderung des damaligen FDGB-Vorsitzenden Herbert Wanke wurde stattgegeben, auch einen zivilen Club für die Berliner Werktätigen vorzuhalten, womit dann das damals zweitklassige Team aus Oberschöneweide Berücksichtigung fand.

Farben rot und weiß übernommen vom TSC Berlin (Foto: FC Union Berlin)

Farben rot und weiß übernommen vom TSC Berlin (Foto: FC Union Berlin)

Erwähnenswert übrigens noch, dass im Jahr 1950 die damalige 1. Mannschaft nach West-Berlin flüchtete und dort den FC Union 06 Berlin und den BBC Südost in Kreuzberg gründete. Zu den sportlichen Erfolgen des Köpenicker Arbeiter-Clubs zählt der Gewinn des FDGB-Pokals 1968 sowie in der Nach-Wende-Zeit das Erreichen des DFB-Pokalfinales 2001. Da sich der Finalgegner Schalke 04 damals für die Champions-League qualifiziert hatte, konnte man sich in der Spielzeit 2001/02 trotz Pokal-Final-Niederlage erstmals auf internationaler Bühne im UEFA-Pokal präsentieren, wo dann in der zweiten Runde Schluss war. In der aktuell laufenden Saison spielt die erste Mannschaft des FC Union Berlin zum siebten Mal in Folge in der 2. Bundesliga.

Immerhin 47 offizielle registrierte Fanclubs listet der Verein auf seiner Webseite, der älteste gegründet immerhin schon im Jahr 1979. Nach Auskunft von Pressesprecher Christian Arbeit sind dort rund 1.500 Fans organisiert. Allerdings unterscheide man bei den Köpenickern eben zwischen registrierten und nicht registrierten Fanclubs. Wie groß die Zahl weiterer lose organisierter Fan-Gruppierungen aktuell ist, darüber habe man keine Informationen. Im Jahr 2013 konnte der Verein jedenfalls sein elftausendstes Mitglied begrüßen. Der Zuspruch und die Identifikation mit dem Club sind auch heute noch ungebrochen hoch, trotz Konkurrenz zahlreicher Vereine in Berlin selbst oder im nahen Berliner Umland. Besonders stolz sein kann und darf Union auf das häufig außergewöhnliche Engagement seiner Anhänger, wenn es darum geht sich auch abseits des grünen Rasens für den Verein einzusetzen. So waren es auch und gerade die Fans, die zu Beginn des Jahrtausends viel Aufmerksamkeit erlangten, als man beim Ausbau des Stadions an der Alten Försterei mit anpackte. Diese Form der Solidarität ist einmal schon in puren Zahlen ausgedrückt bemerkenswert. Rund 2.500 Anhänger brachten damals unentgeltlich ihre Arbeitskraft ein, wobei 13 Monate lang täglich rund 80-150 Helfer auf der Baustelle anzutreffen waren. Bemerkenswert war und bleibt die Aktion auch deshalb, weil sie ein Ausdruck dafür war, dass man so etwas auch umsetzen kann ohne sich um bürokratische Zwänge zu scheren. Auch beim 1.FC Kaiserslautern gab es aus der Fanszene heraus bereits mehrfach Initiativen und Anläufe um mal einen Arbeitseinsatz auf die Beine zu stellen. In einer so großen Sportstätte wie dem Fritz-Walter-Stadion gäbe es immer was zu tun und wenn es nur der Frühjahrsputz wäre. Letztlich führten bisher stets fiskalische Gründe und versicherungsrechtliche Aspekte stets dazu, dass so etwas angeblich nicht realisierbar sei. „Ich weiß gar nicht, warum das bei anderen Vereinen immer so ein Problem darstellt. Den Versicherungsschutz haben wir von Vereinsseite geregelt. An jedem Tag lagen Listen aus, auf denen die Helfer sich halt eintragen mussten. Bleibt ja nicht aus, dass sich einer mal mit’m Hammer auf’n Daumen kloppt“, so Pressesprecher Christian Arbeit. Vielleicht sollte man sich mit den Berlinern mal unterhalten und ein paar Tipps holen, wie man eine breite Fan-Basis auch über einen solchen Weg wieder etwas näher an den Verein heranrücken kann. Potential wäre sicher auch beim Pfälzer Traditionsclub in großer Zahl vorhanden.

Verein und Fans auch beim Thema Flüchtlinge engagiert und aktiv (Foto: FC Union Berlin)

Verein und Fans auch beim Thema Flüchtlinge engagiert und aktiv (Foto: FC Union Berlin)

Doch nicht nur die tatkräftigen Baustellen-Aktivitäten dürfen sich die Union-Anhänger auf ihre Fahnen schreiben. Auch wenn es in der Vergangenheit darum ging den finanziell klammen Verein zu pushen, waren Ideenreichtum und Engagement der Fans ein wichtiges Pfund. Als es vor der Saison 2004/05 unlösbar schien die Spielgenehmigung in der Regionalliga zu bekommen, gründeten die Fans die Initiative Bluten für Union! Damit sollte ein Beitrag zur Beschaffung einer Liquiditätsreserve von 1,46 Millionen Euro geleistet werden, die der Verein allein nicht aufbringen konnte. Das Wort Bluten war dabei wörtlich zu nehmen, denn die Fans wurden dazu aufgerufen, Blut zu spenden und das erhaltene Geld dem Verein zukommen zu lassen. Bei der Beschaffung von Geld spielten dann auch weitere Aktionen und Initiativen eine Rolle, darunter T-Shirt-Verkäufe, Rock-Konzerte oder ein Benefiz-Spiel gegen die „Blutsbrüder“ vom FC St. Pauli. Doch nicht nur die eigenen Anhänger waren dabei mit im Boot. Zahlreiche Firmen und andere Fußballvereine und deren Fangruppen halfen durch Spenden an der Rettung des Vereins. Daneben unterstützten zahlreiche Prominente wie der Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit die Kampagne. Die Aktion wurde ein voller Erfolg, denn der Verein erhielt vom DFB die Spielgenehmigung.

Eine weitere Initiative aus dem Lager der Union-Anhänger findet mittlerweile sogar bundesweit Nachahmer. Im Jahr 2003 gründeten 89 Union-Fans das Weihnachtssingen und damit den mittlerweile vielleicht größten Freiluft-Chor der Republik. Rund 28.000 Menschen beteiligten sich im vergangenen Jahr an der eindrucksvollen Aktion. Eine weitere verrückte Idee, die auf eine Initiative aus Fankreisen zurückgeht, führte zu einem außergewöhnlichen „public viewing“ bei der Weltmeisterschaft 2014. Das Stadion als Wohnzimmer zu bezeichnen provozierte die Vision sich zum gemeinschaftlichen Verfolgen der WM-Spiele die Arena auch als solches einzurichten. So waren die Fans aufgerufen sich ihre Couch mitzubringen und auf dem satten Grün in der Alten Försterei abzustellen. Auf 750 Sofas fanden so gemütliche und gemeinschaftliche Fußballabende statt. Doch nicht überall im Union-Lager kam die Aktion an. Vor allem aus den Ultra-Gruppen kam harsche Kritik und wurde die Aktion als „Event-Quatsch“ abgetan.Zu

Den Krebs besiegt, Union-Spieler und ehemaliger FCK-Profi Benjamin Köhler (Foto: www.der-betze-brennt.de)

Den Krebs besiegt, Union-Spieler und ehemaliger FCK-Profi Benjamin Köhler (Foto: www.der-betze-brennt.de)

Zurück zu aktuelleren Ereignissen. Auch bei der seit Monaten anhaltenden Flüchtlings-Thematik hat der FC Union Berlin als Verein zusammen mit seinen Fans Akzente gesetzt. Ein vom Verein erworbener ehemaliger Supermarkt sollte eigentlich zum künftigen Fanhaus umgebaut werden. Im vergangenen Herbst entschied der Verein aufgrund der sich zuspitzenden Situation bei der Unterbringung von Flüchtlingen die Liegenschaft dem Senat zur Verfügung zu stellen. Nach Meinung der Verantwortlichen schlage man damit zwei Fliegen mit einer Klappe. Einmal kommen so 112 hilfsbedürftige Menschen unter, zum anderen müssen dafür keine weiteren Sporthallen in Beschlag genommen werden. Sich für Flüchtlinge einzusetzen und zu engagieren ist für die Eisernen von Union eine Selbstverständlichkeit. Zusammen mit zahlreichen Fans wurden bereits vor Monaten Aktionen initiiert, wie das Willkommensfest „Anstoß zur Begegnung“, aber auch Sammlungen für Sachspenden oder Fußballspiele für und mit Flüchtlingen gehören dazu. Ein breites bürgerschaftliches Engagement eben, wobei das – wie derzeit überall in der Gesellschaft – auch unter den Union-Anhängern nicht bei jedem auf Zustimmung stoße, so Pressesprecher Arbeit.

Nicht unerwähnt bleiben darf allerdings, dass auch der FC Union Berlin auf der Seite seiner Anhänger Gruppierungen im Gefolge zur Kenntnis nehmen muss, die bereits auch für Negativ-Schlagzeilen sorgten. So fiel im Jahr 2013 die Gruppe Crimark auf, die im Brandenburger Verfassungsschutz-Bericht 2012 Erwähnung fand und die unter Rechtsextremismus-Verdacht steht. Dort heißt es in einem Absatz „Eine im Berliner Umland aktive rechtsextremistische Fußball-Anhängerschaft ist Crimark. Es handelt sich hierbei um Fans des 1. FC Union Berlin. Die führenden Akteure kommen aus Potsdam und Umgebung.“ Stadionverbote wurden aufgrund von fehlenden sanktionierbaren Vorfällen nicht ausgesprochen. Aber der Verein ließ über seine Fanvertretung mitteilen, dass die Gruppe zumindest unerwünscht sei. Nach einem Bericht der Berliner Morgenpost seien die Grenzen von den Union-Ultras und Crimark fließend. Die Befürchtung hier möglicherweise Verhältnisse wie in Braunschweig oder Aachen mit Eskalationspotential zu bekommen schienen zumindest vorhanden. Wie weit die Gruppe mit schwarzer Zaunfahne und märkischem Adler noch Präsenz zeigen wird, wird abzuwarten bleiben.

Nina Hagen kreierte die Hymne Eisern Union (Foto: FC Union Berlin)

Nina Hagen kreierte die Hymne Eisern Union (Foto: FC Union Berlin)

Da wäre doch eigentlich ein Fanclub unter den Farben des Regenbogens ein weiterer geeigneter Gegenpol. Doch einen LGBT-Fanclub nach dem Vorbild der Queer Devils gibt es beim FC Union Berlin bis heute nicht. Erstaunlich für eine Stadt wie Berlin. Aber auch an anderen Stellen in der Bundeshauptstadt scheint das Modell Fanclub für Schwule und Lesben noch nicht viele Nachahmer gefunden zu haben. Einziger Regenbogen-Fanclub in der langen Reihe der Berliner Fußball-Vereinswelt dürften die Hertha Junxx bei Hertha BSC sein. Man darf gespannt sein, ob zu dem Thema in Köpenick noch etwas entstehen wird. Für jede Form oder Ausprägung von Fanclub braucht es halt Leute, die Initiative ergreifen und die scheinen sich im Südosten der Bundeshauptstadt derzeit nicht zu finden.

Union unterhält übrigens eine eigene Fan- und Mitgliederabteilung (FuMa), die im Verein den Status einer Abteilung genießt. Mit eigener Abteilungsordnung, die der Satzung des Vereins untergeordnet ist. Auch ein Baustein für den es in Kaiserslautern bereits Initiativen gab und auch an dieser Stelle lohnenswert mal zum Erfahrungsaustausch in der Alten Försterei an die Tür zu klopfen? Alles in allem darf man attestieren, dass der Köpenicker Verein auf eine Fan-Basis blicken darf, die sich in vielerlei Hinsicht bereits als treue und eingeschworene Gemeinschaft bewiesen hat und die für den Verein eine wichtige Säule darstellt. Insofern für morgen Abend, herzlich willkommen auf dem Betzenberg, aber die drei Punkte bleiben in der Pfalz!

mg


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