Mol annerschd uff die annere geguckt – Eintracht Braunschweig

Engagement für Flüchtlinge im Aktionsjahr

"Willkommen im Fußball": Stiftungsfinanzierte Chancen für Flüchtlingskinder

„Willkommen im Fußball“: Stiftungsfinanzierte Chancen für Flüchtlingskinder

Für 2015 hatte Eintracht Braunschweig gleich ein ganzes „Aktionsjahr für Toleranz, Vielfalt und Respekt“ ausgerufen. Dazu ist bislang ein Anti-Rassismus-Workshop geplant, ein Fußballprojekt für Flüchtlinge und eine vereinseigene Stiftung für Kinder und Jugendliche. Das alles in einem Jahr, in dem es sportlich ganz ordentlich läuft: Der BTSV gehört sicher zu den Aufstiegskandidaten, hat bisher die wenigsten Gegentore in der 2. Bundesliga kassiert und zuletzt auswärts gewonnen – wenn man die knappe (und manche würden sagen: unverdiente) Pokalniederlage am Mittwoch in Stuttgart einmal außer Acht lässt.

Die Braunschweiger gehörten im Sommer zu den Vorreitern, als das Bündnis „Willkommen im Fußball“ gestartet wurde. Die Eintracht und andere Vereine übernehmen darin Patenschaften für lokale „Willkommensbündnisse“, finanziert von der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung. Damit sollen junge Flüchtlinge bis zum Alter von 27 Jahren einfachen Zugang zum Sport bekommen, aber auch Kultur- und Bildungsangebote.

Prominenter Flüchtling: Ermin Bičakčić im bosnischen National-Dress. Kam als Kind vom Balkan nach Deutschland, spielte in Stuttgart und Braunschweig, jetzt in Hoffenheim.

Prominenter Flüchtling: Ermin Bičakčić im bosnischen National-Dress. Kam als Kind vom Balkan nach Deutschland, spielte in Stuttgart und Braunschweig, jetzt in Hoffenheim.

Das Engagement der Eintracht für Flüchtlinge findet auch die Unterstützung der DFB-Stiftung Egidius Braun. Mit dem zusätzlichen Geld der Stiftung soll es zweimal pro Woche ein Fußballtraining für jugendliche Flüchtlinge geben – auch mit dem Ziel, dass die Jugendlichen später in lokalen Vereinen mitspielen können. Außerdem hat Eintracht Braunschweig Trikots, Sportschuhe und Geld gesammelt und dann gespendet. Laut Medienberichten verwies Eintracht-Geschäftsführer Soeren Oliver Voigt auf die langjährige Verwurzelung des Vereins in der Region, auch bei sozialen Projekten: „Es ist unsere Pflicht, im Rahmen unserer Möglichkeiten notleidenden Menschen in unserem Umfeld zu helfen“.

Beim Zweitligisten aus Braunschweig, der am Dienstag sein 120-jähriges Bestehen feierte, gibt es auch ganz praktische Erfahrungen mit Flucht: Der bosnische Nationalspieler Ermin Bičakčić, der vor seinem Wechsel 2014 nach Hoffenheim bei der Eintracht gespielt hatte, floh mit seiner Familie als Zweijähriger Anfang der neunziger Jahre aus seiner Heimat. Bičakčić hat sich etwa im Stadionmagazin seines neuen Vereins schon öfter empathisch über die Flüchtlinge von heute geäußert.

Auch an der von „Bild“ initiierten Aktion mit dem Logo „Wir helfen“ hat sich Eintracht Braunschweig im Herbst beteiligt. Doch schnell gab es Kritik: Viele empfanden das als geschmacklosen Versuch, die DFL für die Selbstdarstellung der Boulevardpresse zu benutzen.

Vorm Karren des Boulevards? „Bild“-Aktion für Flüchtlinge. Mit dem Logo liefen im September einige Bundesligisten auf.

Vorm Karren des Boulevards? „Bild“-Aktion für Flüchtlinge. Mit dem Logo liefen im September einige Bundesligisten auf.

Neben sechs anderen Vereinen weigerte sich auch der 1. FC Kaiserslautern, an der umstrittenen Aktion aus dem Hause Springer teilzunehmen, und in manchen Stadien gab es Spruchbänder gegen die Aktion. Stattdessen verwies der FCK auf seine praktische Arbeit für Flüchtlinge: Auch in Kaiserslautern wurden Fußballschuhe und Winterjacken gesammelt und an ein Flüchtlingsheim übergeben. Hier sind wohl auch schon einige Flüchtlinge in örtlichen Fußballvereinen untergekommen. Rund um das (sportlich ernüchternde) Heimspiel gegen Nürnberg im Dezember hatte es verschiedene Aktionen gegeben: 150 Flüchtlinge wurden auf den Betzenberg eingeladen, und die Spieler hatten beim Einlaufen ins Fritz-Walter-Stadion das Logo „Kaiserslautern ist bunt“ auf der Kleidung.

Der spätere FCK- und Eintracht-Spieler Lutz Eigendorf, hier vor seiner „Republikflucht“ in den 70er Jahren in Diensten des BFC Dynamo.

Der spätere FCK- und Eintracht-Spieler Lutz Eigendorf, hier vor seiner „Republikflucht“ in den 70er Jahren in Diensten des BFC Dynamo.

Mit dem 1. FCK und Eintracht Braunschweig – mit dem Pfälzer Torsten Lieberknecht auf der Trainerbank und auch Spielern mit FCK-Vergangenheit – treffen zwei traditionsreiche Gründungsmitglieder der Bundesliga aufeinander, denen Aktionen mit Symbolwirkung, aber auch ganz praktische Hilfe im Kleinen wichtig sind.

Die beiden Vereine verbindet außerdem ein bekannter Fall von Flucht, genauer von „Republikflucht“: Der ehemalige DDR-Nationalspieler Lutz Eigendorf nutzte 1979 ein Freundschaftsspiel des BFC Dynamo in Kaiserslautern, um in der Pfalz zu bleiben. Wenige Jahre später wechselte er nach Braunschweig, wo er unter bis heute ungeklärten Umständen bei einem Autounfall starb.

mp


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