Mol annerschd uff die annere geguckt – DSC Arminia Bielefeld

Am Sonntag gastiert mit der Elf von der Alm ein alter Bekannter am Betzenberg

Arminia-Fanblock mit Ultras (Foto: Local Crew)

Arminia-Fanblock mit Ultras (Foto: Local Crew)

Wer hätte das vor dem Saisonstart prognostiziert, dass sich am 8. Spieltag beim Heimspiel des 1.FCK gegen den alten Rivalen aus vergangenen Bundesligazeiten der Letzte und der Vorletzte der aktuellen Zweitligatabelle gegenüberstehen würden? Magere vier Punkte (Bielefeld, Platz 18) gegen nicht minder traurige fünf Punkte (1.FCK, Platz 17). Mehr Kellerduell geht nicht! Vermutlich nicht mehr als 700 Fans wird der Gast aus Ostwestfalen am Sonntag mitbringen. Es gab schon Duelle mit deutlich besserem Zuspruch. Dabei hat der Club aus der Stadt, die angeblich niemand kennt durchaus treue Fans. Treu und leidensfähig, nicht viel anders als wir es seit Jahren rund um den heimischen Betzenberg kennen. Wenngleich der quantitative Zuspruch rund um die Roten Teufel deutlich höher ausfallen dürfte. Das übrigens obwohl die größte Stadt der Region Ostwestfalen-Lippe mit mehr als 330.000 Einwohnern fast die dreimal so groß ist wie Kaiserslautern. So sehr wie beide Clubs am Sonntag die Punkte brauchen, so sehr sehnen sich auch die Fanlager auf beiden Seiten nicht nur nach einem Erfolgserlebnis ihrer Kicker, sondern auch nach Kontinuität im Erfolg und nach sportlicher Stabilität unter den Akteuren auf dem Rasen. Auf Tristesse hat auf beiden Seiten keiner mehr Bock!

Fan-Fest im Stadion (Foto: Arminia Bielefeld)

Fan-Fest im Stadion (Foto: Arminia Bielefeld)

Fast 150 Fanclubs zählt die Arminia aus Bielefeld derzeit, in denen rund 2.400 Fans organisiert sind und sich eine Heimat geschaffen haben. Mit rund 12.500 Mitgliedern kann sich der Traditionsclub aus Ostwestfalen in der zweiten Liga durchaus sehen lassen. Von außen betrachtet muten auf der Alm auch die Organisation der Fankultur sehr strukturiert und gut verzahnt an. Eine eigene Fan AG bestehend aus vier wichtigen Säulen bildet dabei das Dach, unter dem die Gremien zusammen agieren. Dazu gehört zunächst die Fanbetreuung des Vereins. Ein Team aus drei hauptamtlichen Mitarbeitern kümmert sich als Kommunikator des Vereins um die Belange der Fans. Das sind ein Fanbeauftragter, ein Behindertenbeauftragter sowie ein Mitarbeiter für die Gästefanbetreuung. Der Fan AG gehört natürlich auch das KOS-Fanprojekt an. Im Fantreff/Block39 warten einige interessante Angebote auf die Arminen-Anhänger.

Fantreff/Block39 des Fanprojekts (Foto: Fanprojekt Bielefeld)

Fantreff/Block39 des Fanprojekts (Foto: Fanprojekt Bielefeld)

Ob gemeinsames und regelmäßiges Kicken, Fußballturniere, Fan-Fahrten oder ein umfassendes Bildungs-Angebot beispielsweise mit Media-Workshops oder Ausstellungen. Aber auch Beratungsleistungen und Unterstützung wie etwa bei Stadionverboten bieten die zwei hauptamtlich Angestellten und mehrere Honorarkräfte den Betroffenen an. Zu den Fan-Institutionen in der Fan-AG zählt auch die eigenständige Vereinsabteilung Arminia Supporters Club. Der ASC sieht sich als Schnittstelle zwischen Verein sowie Fans und Mitgliedern und arbeitet über alle Abteilungen hinweg. Letzter Baustein der AG, das „Schwarz-Weiß-Blaue Dach“. Gewissermaßen der Dachverband der Arminen-Fan-Clubs, der die Faninteressen gegenüber dem Club und anderen Institutionen vertritt. Das Fan-Lager in Ostwestfalen gibt sich so heterogen wie in vielen anderen Ligavereinen auch. Dabei bilden Ultras die größte organisierte Einheit, mit wachsender Tendenz.

Spendensammlung der Bielefelder Ultras (Foto: Local Crew)

Spendensammlung der Bielefelder Ultras (Foto: Local Crew)

Wie sieht es in Bielefeld dann mit Gruppierungen extremerer Prägung vom anderen Rand aus? „Hooligan-Gruppen vergangener Tage sind nicht mehr als solche aktiv, die Verbundenheit zeigt sich bei dem einen oder anderen Revival. Neue Gruppen sind aktuell in Bielefeld nicht bekannt. Eine wachsende Rechtsorientierung in der Gesellschaft macht an anderen Orten aber auch vor dem Stadion nicht Halt, sodass es gilt wachsam zu bleiben und notfalls gegenzusteuern“, erfahren wir im Gespräch mit Thomas Brinkmeier, Fanbeauftragter der Arminia. Auffällige und unangenehme Situationen mit rechten Gruppierungen seien jedoch gegenüber früheren Jahren auf jeden Fall weniger geworden. Auch wenn der Verein noch keinen umfassenden Leitbildprozess auf den Weg gebracht habe, der alle Arminen anspricht und einbindet, so habe man doch einen internen Wertekatalog, der mit rechter Gesinnung natürlich nicht vereinbar ist. Die Wertewelt des Vereins spiegelt sich auch im vielfältigen sozialen Engagement des Vereins wieder. Man bringt sich bei der Unterbringung und Betreuung von Flüchtlingen ein, auch in unmittelbarer Nähe des Stadions. Eine besondere Herzensangelegenheit ist der Arminia der Verein „Schwarz-weiß-blau e.V.“! Unter dem Motto „Wir für Euch“ werden damit sozial benachteiligte und hilfsbedürftige Personen unterstützt. Mit der Vergabe von Eintrittskarten für Sportereignisse in Bielefeld wird diesem Personenkreis Zugang zur lokalen Sportkultur und eine sinnvolle Freizeitgestaltung ermöglicht. Löbliche Initiative!

Fester Bestandteil der Fanszene, queerer Fanclub Blaue Bengel (Foto: Blaue Bengel)

Fester Bestandteil der Fanszene, queerer Fanclub Blaue Bengel (Foto: Blaue Bengel)

Ein weiterer Baustein in der bunten Palette der Arminen-Fanclubs ist der in sich nicht minder bunte queere Fanclub der Arminia, die „Blauen Bengel“. Also quasi das Gegenstück zu unseren Queer Devils in Kaiserlautern. Gegründet wurde der Fanclub allerdings bereits im Dezember 2006, also ein gutes halbes Jahr eher als die regenbogenbunte Truppe vom Betzenberg. Immerhin 27 Mitglieder zählt man bei der Bengel-Truppe, wobei auch dort nur etwa 10 Leute den aktiven Kern bilden. Eine Erfahrung, die es in zahllosen anderen Fanclubs auch gibt. „Das Interessante am Fußball ist doch die Vielfalt aus Alter, Geschlecht, Bildung, sozialer Herkunft, warum also nicht auch sexuelle Orientierung“, begrüßt Thomas Brinkmeier ausdrücklich die Tatsache auch einen queeren Fanclub in den eigenen Reihen zu wissen.

Bengle im Block (Foto: Blaue Bengel)

Bengel im Block (Foto: Blaue Bengel)

In erster Linie versteht sich die bunte Truppe als Fanclub und sieht den gemeinsamen Spaß und das Interesse am Fußball sowie den Support der Arminia im Vordergrund. Dennoch gehört es zum Selbstverständnis der Blauen Bengel dazu, immer wieder auch mal ein Zeichen für mehr Toleranz, Akzeptanz und Gleichberechtigung im Fußball zu setzen.“Wir betätigen uns eigentlich eher weniger politisch. Wobei wir uns in der Vergangenheit natürlich auch an Aktionen gegen Homophobie beteiligt haben oder hin und wieder mal was auf die Beine gestellt haben“, erklärt uns Sven Klömmer, der sich im Fanclub vor allem um die Webseite kümmert. Beteiligt waren die Blauen Bengel beispielsweise auch an der Plakat-Aktion „Wo stehst Du?“ im Jahre 2011. Ein Projekt mehrerer Initiativen und Organisationen mit sehr kreativen Plakaten zu unterschiedlichen Themen wie Rassismus, Vandalismus, Homophobie oder Gewalt.

Kampagne "Wo stehst Du" thematisierte 2011 auch Homophobie (Foto: www.wostehst du.deBlaue Bengel)

Kampagne „Wo stehst Du?“ – auch Homophobie Plakatthema (Foto: www.wostehst du.de)

Als kreatives Element ist Sven Klömmer auch quasi Mädchen für alles in punkto Außendarstellung und Kommunikation. Nicht nur bei den Blauen Bengeln, sondern in zunehmendem Maße auch bei den Queer Football Fanclubs (QFF), der internationalen Dachorganisation, der auch unser Fanclub angehört. Kurzum, die Blauen Bengel stehen seit Jahren auch für Ideenreichtum und Pfiffigkeit. Nicht ohne Selbstironie ist man beispielsweise stolz auf den inoffiziellen „Abteilungsleiter Heterosexualität“ in den eigenen Reihen. Sicher nicht als offizielles Fanclub-Amt gedacht und gelebt aber in der Außendarstellung doch eine Instanz mit Aufmerksamkeitsgarantie! Facetten, die auch ein Grund dafür sind, warum man in der Fanszene mittlerweile einen respektablen Bekanntheitsgrad genießt. Aber auch das soziale Engagement kann sich sehen lassen. Nach dem tragischen Krebs-Tod eines Mitglieds aus den eigenen Reihen wurde ein Fonds gegründet, um die Kinderkrebsstation des Kinderzentrums Bethel zu unterstützen. So wird die weiter finanzierte Dauerkarte des verstorbenen Freundes an krebskranke Kinder weitergereicht. Die Einnahmen aus dem eigenen Phrasenschwein gehen direkt an die Einrichtung.

Bengel pflegen auch die Freundschaft zum FCN (Foto: Blaue Bengel)

Bengel pflegen auch die Freundschaft zum FCN (Foto: Blaue Bengel)

Größere Probleme oder gar Anfeindungen gegenüber der bekennenden schwul-lesbischen Truppe in schwarz-weiß-blau habe es selbst in den Anfangsjahren eigentlich nie gegeben, bestätigen uns sowohl der Fanbeauftragte Thomas Brinkmeier als auch Sven Klömmer. Das war in der Vergangenheit bei anderen Vereinen nicht immer so. Mit dem einen oder anderen Fanclub im eigenen Lager gibt es immer mal wieder gemeinsame Aktivitäten und auf der Tribüne hat man sich längst anerkennenden Respekt und in Block verdient. Die Blauen Bengel sind längst angekommen in ihrer Fanszene und gehören zum festen Bestandteil der Community auf der Alm. Nicht nur wenn die Arminia in heimischen Gefilden kickt, auch auswärts treten die Blauen Bengel an. Leider hat sich auch der harte Kern an Auswärtsfahrern an diesem Wochenende nicht dazu hinreißen lassen, den langen Weg in die Pfalz anzutreten. Schade, aber neben anderen Verpflichtungen vermutlich auch der tristen sportlichen Situation geschuldet.

Total schicke Bengel-Webseite (Bild: Blaue Bengel)

Total schicke Bengel-Webseite (Bild: Blaue Bengel)

Legendär bei den Blauen Bengel ist deren Feier-Laune. Ganz im Vordergrund stehen dabei der traditionelle Stammtisch, Grillfest und Weihnachtsfeier. Aber auch bei Heimspielen sind die stets irgendwie zum Feiern aufgelegt, bisweilen auch, wenn’s mal schlecht läuft. Der Autor spricht aus Erfahrung und erinnert sich gern an zurückliegende Gastspiele auf der Alm zurück. Wobei man sich inmitten so viel blauer Farbe als sprichwörtlicher roter Farbtupfer schon merkwürdig vorkommt. Aber wenn man dann von innen langsam „blau“ wird, geht’s! Achja, auch wenn von den Blauen Bengeln morgen keiner den Weg auf Deutschlands höchsten Fußballberg findet, zwei alte Bekannte dürfen wir dennoch begrüßen. Mit Florian Dick und Manuel Hornig haben sich gleich zwei ehemalige FCK-Recken in Ostwestfalen einquartiert und dort fest etabliert. Auch wenn beide in der aktuellen Saison erst einen Einsatz verbuchen durften. Den FCK aus der Distanz beobachten, das tun beide noch. Auch wenn sie sich in Ostwestfalen sehr wohl fühlten, so würden er und seine Frau doch immer mal wieder Heimweh nach der Pfalz verspüren, hat Manuel Hornig bekundet. Aber der elterliche Haushalt sorge auch dafür, dass stets genug Wein vorrätig sei. Ok Jungs, dann lasst doch am Sonntag einfach die Punkte auf dem Betzenberg, dann habt Ihr auf dem Heimweg noch genug Platz im Gepäck für die ein oder andere Flasche guten Wein!

mg


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