Große Kulisse, kleiner Selbstwert, null Ertrag

Der 1.FCK verliert gegen Stuttgart bereits sein zweites Saisonheimspiel

Eindrucksvolle Choreographie der Westkurve schon vor dem Anpfiff (Foto: Thomas Füssler)

Es war angerichtet am gestrigen Nachmittag. Ganze 45.761 Zuschauer hauchten dem Fritz-Walter-Stadion Erstligaatmosphäre ein, darunter sicher mehr als 10.000 Fans des Traditionsvereins aus der baden-württembergischen Landeshauptstadt. Nach der desaströsen Leistung vom vierten Spieltag in Sandhausen wollte die Mannschaft von Tayfun Korkut endlich den ersten Dreier schnüren. Am Ende allerdings ging der Gast als Sieger vom Platz. Ein einziger Treffer in 90 Minuten reichte, um die drei Punkte mit nach Stuttgart zu nehmen. Nach einem Kopfballtor von Simon Terodde (52.) ging der VfB in Führung und hätte in der Folge noch erhöhen können. Der FCK ging engagiert in die Partie, hatte früh Chancen, doch fehlendes Glück oder Unvermögen standen dem Erfolgserlebnis im Weg. Im Detail und in der Summe nicht unbedingt das, was zu mentaler Stärke, zu wachsender Sicherheit oder hohem Selbstwertgefühl beiträgt!

Kämpferisch am Spielfeldrand, Tayfun Korkut (Foto: Thomas Füssler)

Kämpferisch am Spielfeldrand, Tayfun Korkut (Foto: Thomas Füssler)

Für die noch immer nicht ganz eingespielte und spielerisch bis dato offensichtlich doch sehr limitierte Mannschaft der Roten Teufel wird es nun immer brenzliger. In fünf Ligaspielen bislang nur ein Treffer, bereits drei Niederlagen und insgesamt erst zwei magere Punkte, so die Bilanz eines bislang völlig missratenen Saisonauftakts. Mindestens genauso schlimm wie die bisher magere Ausbeute, der mit dem im Sommer vollzogenen gravierenden Umbruch beschworene Zusammenhalt zwischen Fans, Mannschaft und allen möglichen Säulen des Vereins droht zu zerbröseln. Der 1.FCK steckt gefühlt in einer tiefen sportlichen Krise.

Als sich die Mannschaft nach Abpfiff vor die Westtribüne schleppte und minutenlang ziemlich nahe vor der noch nicht einmal mehr halb gefüllten Stimmen-Wand verharrte, da wirkten die Gesichtszüge einiger Akteure im roten Dress wie paralysiert. Einige blickten Richtung der aufgebrachten Getreuen dort jenseits der Balustrade, einige hatten den Blick auf das Spielgrün gesenkt, einige starrten stumm und hilflos wirkend auf die leeren Blöcke gen Süden oder Norden. Aber sie stellten sich der hörbaren, der fühlbaren Enttäuschung ihrer treuesten Anhänger.

Gedränge vor dem Stuttgarter Tor (Foto: Thomas Füssler)

Gedränge vor dem Stuttgarter Tor (Foto: Thomas Füssler)

Nicht angenehm, aber ein nicht unwichtiges Signal und Zeichen, dass ihnen die Meinung und Stimmung jener da auf der anderen Seite vom Zaun nach den bisher gelieferten Leistungen und dem fehlenden Erfolg nicht am Allerwertesten vorbei zu gehen scheinen. Doch was ist nur mit dieser Truppe los? Tayfun Korkut hatte die Startelf gegen den VfB im Vergleich zur Partie am vergangenen Sonntag auf zwei Positionen geändert. Julian Pollersbeck stand für den rot gesperrten André Weis zwischen den Pfosten, Naser Aliji musste für Lukas Görtler auf die Bank. Die Neuen, die Sportdirektor Uwe Stöver als Last-Minute-Einkäufe kurz vor Ende der Transferperiode noch verpflichten konnte sind noch immer nicht fit oder einsatzfähig. Natürlich ist das ein Trauerspiel, vor allem auch weil man sich mit der Verpflichtung von José Ewerton und Mensur Mujdza dringend erforderliche Stabilität in der Defensive erhoffte und noch immer erhofft.

Gestern erneut lauffreudig aber glücklos, Osayamen Osawe (Foto: Thomas Füssler)

Gestern erneut lauffreudig aber glücklos, Osayamen Osawe (Foto: Thomas Füssler)

Das latent schwebende Meinungsbild zu den derzeit nicht einsatzfähigen aber vermeintlichen Heilsbringern abseits des Geschehens auf dem Rasen, dürfte aber auch mental an den Akteuren nicht spurlos vorbeigehen, die dafür momentan in die Schlacht geworfen werden. Freilich, sie hätten es selbst in der Hand die Ränge zu überzeugen. Mit ihrer Leistung, mit Erfolg. Genau das aber bleibt aus! Dabei waren gegen den Absteiger aus Stuttgart durchaus Chancen da. Schon in den ersten fünfzehn Minuten der Partie zeigten die Roten Teufel ein engagiertes und mutiges Spiel nach vorne, während sich der VfB erst mal abwartend zeigte und sich so auch Möglichkeiten für den FCK ergaben. Schon in der 5. Minute hätte Marlon Frey aus kurzer Distanz die Lauterer in Front bringen können. Lukas Görtler verlängerte ein Zuspiel von Zoltan Stieber über die linke Seite, doch der Leihspieler aus Leverkusen vergab. Nur ein paar Minuten später hätte Osayamen Osawe den ersten Treffer markieren können, doch sein beherzter Schuss wurde zur Ecke geblockt (12.).

Simon Terodde köpft die Führung für den VfB (Foto: Thomas Füssler)

Simon Terodde köpft die Führung für den VfB (Foto: Thomas Füssler)

Nach der ersten auch von den Rängen lautstark unterstützten Anfangsoffensive kamen die Schwaben besser ins Spiel und mit einigen Standards zu ersten verhaltenen Möglichkeiten. Die Stuttgarter erhöhten dann mehr und mehr den Druck und erspielten sich gegen die nicht immer aufmerksame Defensive auch echte Torchancen. So verfehlten Tobias Werner (20., 25.) und der quirlige Takuma Asano (23.) das Ziel jeweils nur knapp. Bitter für den FCK, dass dann in der 28. Minute ausgerechnet Aktivposten Daniel Halfar verletzt ausscheiden musste. Eine Oberschenkelverletzung ließ aber ein Weitermachen nicht zu. Für ihn kam Patrick Ziegler. In den Schlussminuten von Halbzeit eins hatte Lukas Görtler fast noch einmal Zählbares auf dem Fuß, aber für die Flanke von Osayamen Osawe kam er einen Schritt zu spät. Torlos ging es in die Kabine.

Jacques Zoua (links) im Kopfballduell (Foto: Thomas Füssler)

Jacques Zoua (links) im Kopfballduell (Foto: Thomas Füssler)

Nach der Pause kam auf Stuttgarter Seite Kevin Großkreutz für Tobias Werner, was das ballsichere Angriffsspiel der Schwaben weiter belebte. Sieben Minuten nach Wiederanpfiff war es dann auch so weit. Bei einem schnellen Konter über links konnte Emiliano Insua eine feine Flanke vor das Lauterer Tor schlagen. Der mitgelaufene Simon Terodde brauchte quasi alleinstehend nur noch den Kopf hinhalten und es stand 0:1 (52.). Akustisch gehörte das Stadion nun den Gästen! Der Gegentreffer zeigte sowohl bei der Mannschaft von Tayfun Korkut als auch beim Lauterer Anhang Spuren. Im Westen wurde es ruhiger, während der Schwabenanhang ausgelassen feierte. Der VfB machte weiter Druck und drängte mit Macht auf den zweiten Treffer, um möglichst schnell eine Vorentscheidung zu verbuchen. Der FCK brauchte lange, um sich aus dieser spielerischen Umklammerung des Gegners zu lösen, um wieder näherungsweise das Heft in die Hand zu bekommen oder sich gar sowas wie eigene Dominanz zu erarbeiten, zu lange, viel zu lange!

Aufgebrachte Fans nach dem Abpfiff (Foto: Thomas Füssler)

Aufgebrachte Fans nach dem Abpfiff (Foto: Thomas Füssler)

Tayfun Korkut brachte in der 59. Minute mit Jaques Zoua für Marlon Frey weitere Offensivkraft, was das Angriffsspiel des FCK durchaus belebte und der auch einige spielerische Akzente setzen konnte. So zum Beispiel als er in der 71. Minute mit einem reflexartigen Schuss auch den Stuttgarter Schlussmann noch einmal richtig auf die Probe stellte. Auch Lukas Görtler hatte schon in der 66. Minute den Ausgleich auf dem Fuß, traf aber den Ball nicht richtig zwingend. Ebenso in der 80. Minute als er von der Strafraumgrenze abzog, dem bayrischen Angreifer das Glück nicht gerade Pate stand und er den Ball eben nicht unterbringen konnte. Alles zwar vereinzelte und durchaus gute Chancen, aber eben nicht unbedingt Ausdruck einer vor Dominanz strotzenden Schlussoffensive einer spielerisch oder kämpferisch überlegenen Mannschaft. So lief dem FCK die Zeit davon. Der VfB stand gut und ließ eben auch nicht mehr viel zu. Auch in den zwei Minuten Nachspielzeit nicht und so war die zweite Heimniederlage der Saison besiegelt.

Eine echte Bereicherung gestern, Julian Pollersbeck (22) im Tor (Foto: Thomas Füssler)

Eine echte Bereicherung gestern, Julian Pollersbeck (22) im Tor (Foto: Thomas Füssler)

Wer gestern zu gefallen wusste, war auf jeden Fall Julian Pollersbeck. Wirklich viele haarige Szenen hatte er zwar nicht zu meistern, aber er wirkte ruhig, klug und umsichtig. Seine Körpergröße von 1,95 Metern spielte der erst 22-jährige fast genüsslich aus. Es wirkte fast souverän mit welcher Gelassenheit der junge Kerl sich vor den wuchtigen VfB-Recken ein ums andere Mal die hohen Bälle wegpflückte. Auch seine Spieleröffnung gefällt. Seine langen Bälle kommen an, er sieht im eigenen Halbfeld den freien Mann und antizipiert die möglichen ersten Spielzüge meist richtig. Er agiert nicht risikobehaftet und hat dennoch genug Gefahrinstinkt um auch mal mit der richtigen Entscheidung ins Risiko gehen zu können. Gefällig, was er vor so einer großen Kulisse, mit dem Druck im Nacken gestern abgeliefert hat. Vielleicht ist das nur eine glückliche Momentaufnahme, aber er hat immerhin gleich am kommenden Mittwoch noch einmal Gelegenheit sich an gleicher Stelle zu beweisen. Je nach Verlauf und Ausgang des Heimspieles gegen Dresden wird man sehen ob er wieder auf die Bank zurück muss. Es wäre nicht das erste Beispiel, dass ein Torwart-Reservist durch eine solche Fügung zur Nummer eins avanciert.

Sportdirektor Uwe Stöver in hitzigen Gesprächen mit erbosten Fans (Foto: Thomas Füssler)

Sportdirektor Uwe Stöver in hitzigen Gesprächen mit erbosten Fans (Foto: Thomas Füssler)

Was der FCK in der noch immer jungen Saison bisher an Fußballkost abgeliefert hat ist definitiv zu wenig. Das weiß auch die Mannschaft und der ein oder andere Akteur wirkte gestern vor der einen oder anderen Kamera nicht nur enttäuscht sondern auch angefressen über das eigene Unvermögen. Wenn eine Mannshaft in fünf Ligaspielen nur einmal den Ball im gegnerischen Netz unterbringt, besteht auch reichlich Grund zu harrscher Selbstkritik. Was derzeit viele verwundert ist, dass die Vereinsführung und das Kontrollgremium des Vereins noch immer ruhig bleiben und das ist auch gut so. Die Mannschaft braucht Zeit, die sie zwar nicht habe, attestierte auch Kapitän Daniel Halfar noch vor einigen Tagen, aber offensichtlich bekommen sie die von den Verantwortlichen im Moment noch! Es mag riskant klingen, aber vielleicht täten wir auf den Rängen auch gut daran uns den Führungsgremien unseres Vereins anzuschließen, einfach Ruhe zu bewahren und vor allem für die Mannschaft da zu sein.

Frustrierte Akteure vor frustrierten Fans (Foto: Thomas Füssler)

Frustrierte Akteure vor frustrierten Fans (Foto: Thomas Füssler)

Zumindest in den 90 Minuten eines Spiels! Der vor Saisonbeginn von der neuen Führung beschworene Zusammenhalt und das Motivations-Motto #zusammenlautern galt nämlich nicht nur für Zeiten in denen wir gemeinsam Erfolge feiern können. Nein, das gilt auch für die Momente in denen es um Mannschaft und Verein mehr Schatten als Licht gibt.

mg


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