Fanorganisationen wehren sich gegen Kollektivstrafen

Offener Brief an die UEFA

Kollektivstrafen abschaffen - Fanprotest beim Heimspiel gegen Union November 2013 (Foto: www.der-betze-brennt.de)

Kollektivstrafen abschaffen – Fanprotest beim Heimspiel gegen Union Berlin, November 2013 (Foto: www.der-betze-brennt.de)

Rassismus und jede Form von Diskriminierung haben im Fußball nichts zu suchen. Zu dieser Position dürfte es keine zwei Meinungen geben. Vereine und Verbände stehen hier besonders in der Verantwortung. Die seit Jahren von der Europäischen Fußball-Union (UEFA) praktizierte Sanktions-Politik hingegen findet längst nicht mehr überall Anklang und steht seit Monaten in der Kritik. Bei rassistischen Vorfällen drohen den Vereinen oft Geisterspiele, die durch den europäischen Dachverband verhängt werden. Ursprünglich sollte beispielsweise Dynamo Kiew sein Heimspiel im Champions-League-Achtelfinale gegen Manchester City eigentlich vor leeren Rängen austragen. Die UEFA hat diese Entscheidung jedoch überraschend geändert und den Fans den Spielbesuch gestattet.
Die organisierten Fans in Europa formieren sich allerdings auf breiter Front gegen Kollektivstrafen. Von der Europäischen Fußball-Union (UEFA) wird eine Änderung der Disziplinar- und Sanktionspolitik bei Rassismus-Vorfällen gefordert. Rund 100 nationale Dachverbände aus 18 europäischen Ländern, die nach eigenen Angaben 100.000 Anhänger repräsentieren, haben gestern einen offenen Brief an die Mitglieder des UEFA-Exekutivkomitees veröffentlicht. Dazu gehören auch die Queer Football Fanclubs. Gemeinsam mit allen Unterzeichnern unterstützen auch wir als Fanclub des 1.FCK uneingeschränkt diese Initiative.

Sehr geehrte Mitglieder des UEFA-Exekutivkomitees,

aus ganz Europa richten wir uns an Sie, um unsere große Besorgnis auszudrücken. Wir rufen Sie als UEFA hiermit auf, ihre Disziplinarpolitik bei rassistischem oder anderweitig diskriminierendem Verhalten von Fußballfans zu überdenken.

Betont werden muss vorab, dass die Unterzeichner dieses offenen Briefes ausdrücklich die „Null- Toleranz-Politik“ der UEFA in Bezug auf Rassismus begrüßen. Die unterzeichnenden Fangruppen und die UEFA sind geeint in der Überzeugung, dass gegenseitiger Respekt einen integralen Bestandteil der Kernwerte in unserem Sport darstellt. Und das sollte für alle Akteure auf und neben dem Spielfeld gelten.

Auch die Queer Football Fanclubs (QFF) gehören zu den Unterzeichnern

Auch die Queer Football Fanclubs (QFF) gehören zu den Unterzeichnern (www.queerfootballfans.org)

Die Bestrafung einer überwältigenden Mehrheit der Fußballfans wegen verabscheuungswürdiger Handlungen einer Minderheit durch Standardsanktionen wie „Spiele hinter verschlossenen Türen“ für Vorfälle rassistisch motivierten Verhaltens von Fans, veranschaulichen jedoch ein großes Maß an Respektlosigkeit gegenüber allen Fußballfans, die durch solch drastische Maßnahmen unschuldig betroffen werden.

Besonders die Auswärtsfans, die nichts falsch gemacht haben und alle ihre Reisen gebucht haben, sind diejenigen, die den höchsten Preis zahlen, wenn von der UEFA eine Sanktion gegen einen anderen Verein für das Verhalten einer anderen Fangruppe gegenüber allen verhängt wird.

Die Sanktionierung von respektlosem und inakzeptablem Verhalten einer in der Regel kleinen Gruppe durch Respektlosigkeit gegenüber der gesamten Zuschauerschaft gefährdet die Glaubwürdigkeit der UEFA in ihrem Engagement gegen Rassismus. Die größte und umfangreichste Gruppe potenzieller Verbündeter der UEFA im Kampf gegen Diskriminierung im Fußball, die Fußballfans als die so oft zitierte „Seele des Fußballs“, werden abgewertet und darauf reduziert, einzig die Ursache eines Problems zu sein. Vor diesem Hintergrund bitten wir Sie, die entsprechenden Vorschriften zu ändern – hin zu einem System, das glaubwürdig und nachhaltig hilft, Diskriminierung unter Wahrung der Interessen der Fans als wichtige Beteiligte zu minimieren. Wir sollten alle konstruktives Fanverhalten im Fußball fördern – und nicht das positive Engagement der Fans schwächen während die Entwicklung von destruktivem Verhalten, das durch das aktuelle System ausgelöst und durch offizielle Vorfallzahlen unterstrichen wird, noch unterstützen.

Auf dem Europäischen Fußball-Fan-Kongress von Football Supporters Europe (FSE) 2015 in Belfast, zeigten Fußballfans mit vielen konkreten Beispielen, dass das derzeitige System der kollektiven Sanktionen nicht nur zur Bestrafung vor allem unschuldiger Fans führt. Das gewünschte Ziel der nachhaltigen Bekämpfung von Rassismus und die Clubs zu nachhaltigerem Handeln zu zwingen, idealerweise mit Unterstützung ihrer Fans, wird NICHT ERREICHT.

Die UEFA steht im Fokus der Kritik, aber auch nationale Verbände und Vereine sind in der Pflicht

Die UEFA steht im Fokus der Kritik, aber auch nationale Verbände und Vereine sind in der Pflicht. (www.uefa.com)

Besonders jene „üblichen Verdächtigen“ unter den Clubs, für die die Regelungen in erster Linie verschärft wurden, haben drei Hauptreaktionsformen entwickelt:

  1. Sie beschuldigen den Boten (der den Vorfall meldende Anti-Rassismus-Beobachter oder bereits aktiv im Stadion gegen Rassismus engagierte Fangruppen) oder die UEFA, und initiieren eine öffentliche Hexenjagd gegen ihn, während sie das eigentliche Problem nicht akzeptieren.
    –> Das bestärkt rassistische Täter, die sich nur zu gerne der Hexenjagd anschließen.
  2. Viele Vereine haben versucht, geheime Abkommen mit dem jeweiligen (rassistischen) Teil ihrer Fanszene zu treffen. Auf europäischer Ebene werden „die Füße stillgehalten“, während die Vereine die Privilegien in den Liga-Wettbewerben für die Täter erhöhen.
    –> Das stärkt die rassistischen Täter und bringt sie näher an den Verein, während andere Fans weiter marginalisiert werden.
  3. Vereine siedelten die Fans in andere Teile des Stadions um, ordneten einige Alibi-Aktivitäten gegen Rassismus an, aber priesen diese in der Öffentlichkeit als von der Fanszene initiiert.
    –>
    Währenddessen sind die Rassisten immer noch innerhalb des Stadions und agieren weiter mit rassistischen Handlungen, lediglich in einem anderen Stadionbereich.
    –>
    Nicht-rassistische / antirassistische Fans fühlen sich nicht sicher oder ermutigt, eigene Aktivitäten zu initiieren.

Was eben nicht passiert ist, sind glaubwürdige und langfristige Aktionspläne gegen Rassismus, die von den Vereinen implementiert wurden. Das würde allerdings die Mehrheit der Nicht-Rassisten und den fortschrittlichen Teil der Fanszene darin bestärken, dass sie nicht abgelehnt werden, sondern sogar dazu führen, dass sie nur zu gern die Unterstützung im Kampf gegen Diskriminierung aufnehmen würden. Stattdessen werden sie jedoch immer wieder gemeinsam mit den rassistischen Tätern bestraft, während der mögliche Fall, dass sie vielleicht sogar Opfer dieser waren, ignoriert wird und sie weiter auch von diesen Leuten eingeschüchtert werden.

Was nun seitdem passiert ist, ist, dass Vereine sich erhoben haben und begannen glaubwürdige und langfristige Aktionspläne gegen Rassismus zu implementieren. Das würde die Mehrheit der Nicht-Rassisten und den fortschrittlichen Teil der Fanszene bestärken, dass sie nicht abgelehnt würden, sondern sogar gerne den Kampf gegen Diskriminierung unterstützen und aufnehmen würden. Stattdessen werden sie immer wieder gemeinsam mit den rassistischen Tätern bestraft, während die Möglichkeit, dass sie vielleicht sogar Opfer waren, ignoriert wird und sie weiter auch von diesen Leuten eingeschüchtert werden.

Fans machen seit Jahren ihrem Unmut gegen ungerecht empfundene Disziplinarpolitik Luft (Foto: www.der-betze-brennt.de)

Fans machen seit Jahren ihrem Unmut gegen ungerecht empfundene Disziplinarpolitik Luft (Foto: www.der-betze-brennt.de)

Als Folge haben viele Fußballfanorganisationen die Kampagne „Respect Fans!“ ins Leben gerufen, die von zahlreichen Fan-Gruppen aus verschieden, in europäischen Wettbewerben spielenden Vereinen unterstützt wird. Aktuell unterstützen nicht-rassistische / antirassistische Fangruppen von etwa 20 Clubs aus sieben europäischen Ländern die Initiative. Die europäische Fußballfan-Dachorganisation Football Supporters Europe (FSE), offiziell von der UEFA als Gesprächspartner für Fanthematiken anerkannt, hat bereits mehrere Gespräche mit Vertretern der UEFA geführt und Alternativen oder ergänzende Elemente zum derzeitigen System unterbreitet. Diese basieren auf der Grundlage von Best-Practice-Beispielen und wissenschaftlichen Erkenntnissen aus ganz Europa.

Bisher war die UEFA nicht bereit, den vorgenannten Argumenten zuzuhören und stimmte lediglich zu, im Sinne der Gleichberechtigung auch Sponsoren und deren Gästen den Besuch der Geisterspiele zu verweigern, … allerdings erst nach mehreren Jahren und nachdem die entsprechenden Verträge verlängert wurden.

Wir sind der Auffassung, dass die soziale Verantwortung des Fußballs, mehr noch, die der Führungsgremien des Fußballs in diesem wichtigen Bereich weit über den Versuch hinaus gehen müsste, künstlich akzeptable oder oberflächliche Bilder für TV und die breite Öffentlichkeit zu produzieren, sondern einen nachhaltigen Beitrag zur ernsthaften Beseitigung des Problems von Diskriminierung im Fußball direkt auf Clubebene zu fördern.

Unsere Erfahrungen aus verschiedenen Ländern veranschaulichen in der Praxis, dass eine nachhaltige Verbesserung des Fanverhaltens nur in enger Zusammenarbeit mit den Fans erreicht werden kann. Das derzeitige System wurde entwickelt, um im Kampf gegen Rassismus anzutreten. Es wird jedoch mehr und mehr als ein Kampf gegen alle Fußballfans gesehen.

Die Unterzeichner dieses Briefes sind Gruppen und nationale Fan-Dachorganisationen, die die Ablehnung von Rassismus und Diskriminierung teilen und die UEFA in diesem Sinne einladen wollen, die Bekämpfung von Diskriminierung und anderen Formen inakzeptablen Verhaltens aufzunehmen. Wir appellieren an die UEFA, ihre Politik der Kollektivbestrafung zu überprüfen, insbesondere unverzüglich die schreiende Ungerechtigkeit der Ausgrenzung von Auswärts-Fans zu beenden, die nichts mit dem Vorfall zu tun hatten.

Als nächster Schritt sollten in enger Abstimmung mit den Fans wirksame Strategien entwickelt werden, die Rassismus nicht nur aus Bildern oder TV-Aufnahmen aus den Stadien bei europäischen Spielen verbannen, sondern auch einen positiven Wandel in den Köpfen der Menschen bewirken können. Wir freuen uns, von Ihnen zu hören.

Die Mitglieder des Komitees von Football Supporters Europe (FSE)
Die Respect-Fans! Campaigning Gruppen

Die Unterzeichner:

NATIONALE UND REGIONALE FAN-DACHORGANISATIONEN: Fußballfans gegen Homophobie Österreich (Österreich), Belgian Supporters vzw (Belgien), INSIDE (National association of disabled supporters) (Belgien), Fanklubber Association Nationale des Supporters (Frankreich), ProFans (Deutschland), Queer Football Fanclubs Germany (Deutschland), Bündnis Aktiver Fußballfans (BAFF) (Deutschland), Fußballfans gegen Homophobie / Football Fans Against Homophobia (Deutschland), (Deutschland), Queer Supporterallianse (NSA) (Norwegen), FASFE (Spanien), Svenska Fotbollssupporterunionen (SFSU) (Schweden), Queer Football Fanclubs Switzerland (Schweiz), Taraftar Hakları Dayanışma Derneği (TarafDer) (Türkei), Taraftar Hakları Derneği (THD) (Türkei), Tribúny sú Danske (Dänemark), Football Supporters Federation (FSF) (England Fodbold & Wales), Unsere (Deutschland), Kurve BBAG Football – Fanclubs Bundesbehindertenfanarbeitsgemeinschaft Nederlands Norsk (Niederlande), naše (Slowakei)
NATIONALMANNSCHAFTS-FANGRUPPEN: Official Fanclub 1895 (Belgien, Belgien), De Danske Roligans (Dänemark, Dänemark), Roliganklubben Bornholm (Dänemark, Dänemark), AONISC (Nordirland, Nordirland), You Boys in Green (YBIG) (Republik Irland, Republik Irland)
AKTIVE FANGRUPPEN AUF VEREINSEBENE IN EUROPA: Faninitiative Innsbruck (Wacker Innsbruck, Österreich), First Vienna Football Club 1894 Supporters (First Vienna Football Club 1894, Österreich), Antifa Döbling (First Vienna Football Club 1894, Österreich), Beerschot – Wilrijk Supportersfederatie (FCO Beerschot Wilrijk, Belgien), Supportersverbond KSTVV (ST Truiden, Belgien), OSV KRC Genk (KRC Genk, Belgien), OOSC Patro Eisden (Patro Eisden, Belgien), Esseveefans (SV Zulte Waregem, Belgien), Supportersclub KFC SPARTA PETEGEM (KFC Sparta Petegem, Belgien), Front282 (Sporting Lokeren, Belgien), Amicale des Clubs de Supporters du RCSC (RCS Charleroi, Belgien), Supportersfederatie Steenbakkers (K. Rupel Boom F.C, Belgien), White Angels Zagreb (NK Zagreb 041, Kroatien), The Green Pride (Viborg FF, Dänemark), AGF Fanclub (AGF Fodbold, Dänemark), Brøndby Support (Brøndby IF, Dänemark), SIFosis (Silkeborg IF, Dänemark), AaB Support Club (Aalborg, Dänemark), Auxilia (Aalborg BK, Dänemark), Lyngby Fans (Lyngby Boldklub, Dänemark), The Crazy Reds (Vejle Boldklub, Dänemark), Wild Tigers (FC Nordsjaelland, Dänemark), 1894 Group (Manchester City, England), Arsenal Independent Supporters Association (Arsenal Manchester United Supporters Trust (M.U.S.T.) (Manchester United, England), My Old Man Said (Aston Villa, England), ADAJIS (Paris Saint-Germain, Frankreich), Navajos (1.FC Köln, Deutschland), Horidos 1000 (Karlsruher SC, Deutschland), Blaue Bengel (Arminia Bielefeld, Deutschland), Supporters Club Düsseldorf 2003 e.V. (Fortuna Düsseldorf, Deutschland), Rainbow Borussen (Borussia Dortmund, Deutschland), Eiserner VIRUS (Union Berlin, Deutschland), Queerpass Bayern (FC Bayern MonacoQueers (FC Bayern München, Deutschland), Munich’s Red Pride (FC Bayern München, Deutschland), Löwenfans gegen Rechts (1860 München, Deutschland), Fanladen St Pauli (FC St Pauli, Deutschland), FPMG Supporters Club e.V. (Borussia Mönchengladbach, Deutschland), Corrillo Ultras (SC Freiburg, Deutschland), Fanclubsprecherrat der Fanclubs des FC St.Pauli (FC St Pauli, Deutschland), Queerpass St. Pauli (FC St Pauli, Deutschland), Aktionsbündnis gegen Homophobie und Sexismus (FC St Pauli, Deutschland), Frenetic Youth (1. FC Kaiserslautern, Deutschland), WarmUp95 (Fortuna Düsseldorf, Deutschland), Dissidenti Ultra (Fortuna Düsseldorf, Deutschland), Ruhrzebras (MSV Duisburg, Deutschland), RainbowZebras Supportersvereniging (Ajax Amsterdam, Niederlande), Roze Regahs (ADO Den Haag, Niederlande), CSKA Fans Against Racism (CSKA Moscow, Russland), Ultras Trenčín (FK AS Trenčín, Slowakei), Brigate Plavi (NK Nafta 1903, Slowenien), APASCF (Sevilla FC, Spanien), Asociación Valores del Madridismo (Real Madrid, Spanien), Señales de Humo (Atlético de Madrid, Spanien),Supporterklubben Supporterklubben Schweden), Gefle Blue Boys (Gefle IF, Schweden), Supporterklubben Sky Blues (Gefle IF, Schweden), Östra Stå (Örgryte IS, Schweden), Balders Hage (Örgryte IS, Sweden), Järnkaminerna (Djurgårdens IF, Schweden), Bollklubben Support (Halmstads BK, Schweden), MFF Support (Malmö FF, Schweden), Halbzeit / Gemeinsam gegen Rassismus (BSC Young Boys, Schweiz), KaraKizil (Gençlerbirliği, Türkei), TekYumruk (Galatasaray Istanbul, Türkei), Beşiktaş Beleştepe (Besiktas Istanbul, Türkei), 1907 ÜNİFEB – Üniversiteli Fenerbahçeliler Birliği (Fenerbahce SK, Türkei), Taşra (Fenerbahce SK, Türkei), Vamos Bien (Fenerbahce SK, Spanien), APMAE (Espanyol Barcelona, Spanien), APAVCF Änglarna (ASK) (AIK (Valencia Allmänna Stockholm, Schweden), Black Army (AIK Stockholm, CF, (IFK Göteborg, Schweden), Türkei)


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