Ein farbiges Bekenntnis, seit 30 Jahren

Unser Vorsitzender feiert Jubiläum als FCK -Gesicht 

Das Gesicht der Queer Devils ist schon viel länger ein Gesicht der Fanszene auf dem Betze insgesamt. Matthias Gehring ist damit auch oft in den Medien, wie hier in einem SWR-Beitrag.

Das „Betze-Gesicht“, hier in einem SWR-Beitrag.

Er ist einer der auffälligsten Köpfe auf dem Betzenberg und darüber hinaus – wie kein anderer steht Matthias Gehring für die Identifikation mit dem 1. FC Kaiserslautern – seit Jahrzehnten sein Lieblingsclub. Jetzt feiert er ein bemerkenswertes Jubiläum: Seit 30 Jahren malt er an Spieltagen sein Gesicht in den rot-weißen FCK-Farben an, und inzwischen sogar den ganzen Kopf. Was als Spinnerei begann, hat auch schon zu guten Zwecken beigetragen. So unterstützte Matthias eine Saison lang die Sozialprojekte des 1.FCK, indem er bei Selfie-Anfragen jeweils kleine Spenden einsammelte. Wir haben den Vorsitzenden der Queer Devils zu der Entstehung und der Geschichte seines Markenzeichens befragt.

Lieber Matthias, wie bist Du damals eigentlich auf die Idee gekommen, Dir das FCK-Logo ins Gesicht zu malen? 

Die Idee hat mit der Europameisterschaft 1988 in Deutschland zu tun. Ich hab damals in Hannover gelebt und studiert und hatte unter anderem Tickets für ein Gruppenspiel der Dänen im damaligen Niedersachsenstadion. Natürlich in der dänischen Kurve. Am Vorabend des Spiels gegen Spanien hatte ich mit meinem WG-Mitbewohner Lutz in einer Kneipe ne Truppe Dänen kennengelernt. Die Fans von denen sind damals aufgefallen: Bunt, kreativ, verrückt, exaltiert, fröhlich. Ne Mischung und ne Ausdrucksform, wie man sie damals in der Bundesliga so noch nicht kannte. Unter anderem waren bei der Truppe zwei Jungs dabei, die sich das Gesicht mit der dänischen Nationalflagge verziert hatten. Rotes Gesicht mit weißem Kreuz. Wir hatten uns mit denen für den Spieltag verabredet und ich hab morgens kurzentschlossen in der Stadt noch Farbe gekauft, mit der wir uns auch die Visage angemalt haben. Aus Solidarität. An unserem Treffpunkt am Hauptbahnhof kam ein NDR-Team auf uns zu und quatschte uns in dänischer Sprache an. Dem hab ich dann zur Erheiterung von Lutz und seinem Kumpel Dieter im pfälzischen Dialekt ins Mikro geföhnt: „Knecht, Du kannsche ruhich Deitsch mit mer redde!“ Nach der Euro ´88 hab ich mir dann gedacht, wenn die Dänen ihre Nationalkicker so unterstützen und das auch ankommt – warum nicht mal probieren, meinen FCK so zu unterstützen? Naja… und es war ja auch noch reichlich Farbe von dem Dänenspiel übrig.

Warum weißt Du noch so genau, an welchem Tag Du Dir zum ersten Mal die rot-weißen Farben ins Gesicht gepinselt hast? Was war das für ein Spiel? 

Im Laufe der Jahre hat Matthias geschätzte fünf Kilo Farbe und 30 bis 40 Pinsel verbraucht. Früher schminkte er sich auch schon mal auswärts im Auto, aber lieber daheim vorm Schminkspiegel.

Im Laufe der Jahre hat Matthias geschätzte fünf Kilo Farbe und 30 bis 40 Pinsel verbraucht. Früher schminkte er sich auch schon mal auswärts im Auto, aber lieber daheim vorm Schminkspiegel.

Das liegt oder lag am Spielergebnis. Das 6:0 gegen die Stuttgarter Kickers war schon markant, und ehrlich gesagt, war der Ausgang des Spiels auch der Grund weiterzumachen. Ich war als FCK-Fan sowas von abergläubisch damals! Ich glaube, wenn uns die Stuttgarter damals aus dem eigenen Stadion geschossen hätten, ich hätte mich vermutlich nie mehr angemalt! Es klingt natürlich völlig idiotisch, aber ich hatte wirklich dran geglaubt, dass dieses neue Outfit was Magisches hat. Heute schmunzle ich natürlich über so ein Denkmuster. Aber wer ehrlich ist, wird sich selbst schon dabei ertappt haben, dass Aberglaube immer wieder mal dazu verleitet hat vor einem FCK-Spiel irgendwas zu tun oder eben nicht zu tun.

Was war dann letztlich Deine Motivation das so lange weiter zu betreiben und auch weiter zu verbessern?

Naja, erst mal der Ausgang des Spiels gegen die Kickers und dieser dämliche Aberglaube. Aber viel weiter gedacht hab ich damals nicht. Man macht so etwas ja nicht und plant, das dann 30 Jahre lang durchzuziehen. Aber es kam halt auch bei den Fans in der Kurve im eigenen Lager gut an. Damals stand ich noch in der Westkurve. Der Aberglaube hat dann durch mein erstes Auswärtsspiel mit bemaltem Gesicht nochmal Nahrung bekommen. Bis in den November rein hatte der FCK in der Saison ‘88/‘89 auswärts nix gerissen, hat eher öfter auf die Fresse gekriegt. Auf fremden Plätzen war ich in der Saison anfangs nicht dabei. Für Auswärtsfahrten hatte ich damals mit Wohnsitz in Hannover nicht so viel Zeit und auch nicht immer die Kohle. Dann kam Ende November das Spiel beim Waldhof. Die haben wir mit 4:0 weggeputzt und ich war geschminkt im Stadion. Ganz ehrlich, wer soll da nicht abergläubisch werden, wenn man’s nicht eh schon ist.

Diese Kutte trug Matthias von 1978 bis 1986.

Diese Kutte trug Matthias von 1978 bis 1986. Laut eigener Aussage gibt es allerdings weitaus schönere, die etwa schon jetzt im FCK-Museum auf dem Betzenberg hängen.

Wie sah Deine Fan-Rolle davor eigentlich aus, bevor Du mit dem Schminken angefangen hast?

Ich bin 1974 im Alter von 11 Jahren zum ersten Mal mit meinem Vater und meinen Brüdern auf dem Betze gewesen. Irgendwann im Oktober glaub ich, gegen den HSV. Das Spiel hatte der FCK 1:0 gewonnen. In den Jahren danach ging es dann gelegentlich hin, wenn mein Vater mit uns zusammen hingefahren ist. Die große Freiheit fing 1981 mit dem eigenen Führerschein und erstem eigenen Auto an. Meist mit meinen Brüdern und dem einen oder anderen Kumpel. So wie damals üblich, hatte ich natürlich auch bald eine Jeans-Jacke zur Kutte umgestaltet. Wobei meine nie so ein Kunstwerk geworden ist wie andere, die heute schon im FCK-Museum hängen. 1987 habe mir dann durch eine glückliche Fügung einen tollen Pullover unter den Nagel reißen können, der das Siegerstück bei einem SWF-Strickwettbewerb war. Der Pullover wurde dann fast 18 Jahre lang auch ein bisschen mein Markenzeichen. In den Jahren bis zur Gründung der Queer Devils im Jahr 2007 war ich meist der klassische Einzelgänger. Vor allem zu Auswärtsspielen war ich sehr oft alleine unterwegs. Zu FCK-Heimspielen von Hannover aus sogar oft per Anhalter. Als ich dann mit dem Schminken angefangen hab war ich vor allem von Hannover aus viel mit dem Auto allein unterwegs. Bei solchen Fahrten hab ich mich meist erst am Zielort im Auto geschminkt.

Warst Du damals schon in einem FCK-Fanclub organisiert oder hattest Dich in der Fanszene engagiert?

Von 1982 bis 1987 war ich mal in einem Fanclub, den ich selbst mit gegründet hatte. Die „FCK-Freunde Burg Berwartstein“. Da hatte ich damals an Wochenenden als Fremdenführer mein Taschengeld aufgebessert und die meisten aus unserer Burgführer-Truppe hatten damals auch Spaß am FCK. Es war nur nicht immer einfach, den Spielplan und die Wochenenddienste aufeinander abzustimmen. Wegen einem weinseligen Abend mussten wir 1982 eine Wette einlösen und sind von der Burg zu Fuß die 62 Kilometer zum Betzenberg marschiert. Die ganze Nacht über, um pünktlich zum Spiel am Stadion zu sein. Das hatte so Spaß gemacht, dass es unser Markenzeichen wurde. So kam es zu der Fanclub-Gründung. Wir sind damals dann bis 1987 jede Saison mindestens einmal nach Lautern marschiert. Dann aber auch über 90 Kilometer nach Ludwigshafen oder fast 125 Kilometer nach Saarbrücken, als der FCK beim Waldhof oder beim FCS gastierte. Als ich zum Studieren nach Hannover ging, ist das dann eingeschlafen.

Hast Du das Logo im Laufe der Jahre verändert oder angepasst? Beispielsweise, als vorübergehend das Traditionslogo wieder eingeführt wurde? 

Die Sache mit dem Traditionslogo habe ich nicht mitgemacht. Es war damals angekündigt, dass es eh nur für eine Saison sein soll, letztlich wurden dann zwei Spielzeiten draus. Aber ich hätte den roten Farbton umstellen müssen und hätte mich mit dem anderen Schriftbild auseinandersetzen müssen. Das war mir einfach zu blöd. Allerdings habe ich das Logo in der Tat angepasst. Das Logo, das der FCK heute benutzt, gilt seit 2007 oder 2008. Das Logo, das davor gegolten hat, hatte ein geringfügig anderes Schriftbild. Der Steg an der Ziffer „1“ lief damals diagonal nach unten aus, beim heutigen Logo schließt er unten horizontal ab. Beim Buchstaben „C“ stand früher der untere Bogen nach außen über, beim heutigen Logo schließt der Buchstabe „C“ auf der rechten Seite bündig ab.

Weißt Du oder kannst Du zumindest einschätzen, wie viel Farbe und Pinsel Du im Laufe der Jahre vermalt hast? 

Bei der Farbe habe ich das mal hochgerechnet. Das waren über die dreißig Jahre etwas mehr als 5 Kilogramm mit einem Gesamtwert von rund 970,–€! Es ist halt professionelle Theaterschminke, da kostet so ein 50-Gramm-Döschen mit Versand heute auch schon fast 15,–€. Zwei Döschen rote und ein Döschen weiße Farbe brauche ich pro Saison schon. Am Anfang hatte ich Fettschminke verwendet. Die ließ sich einfach mit dem Finger auftragen. So habe ich das in den Anfangsjahren gemacht. Schon Anfang der 1990er Jahre habe ich dann angefangen, das mit Wattestäbchen etwas akkurater hinzubekommen. Die Fettschminke hatte zwar den Vorteil, dass man sie schnell auftragen konnte, aber den Nachteil, dass sie schwer runter zu kriegen ist. Obendrein klebt das Zeug ziemlich arg. Fettschminke halt. Da ist früher jede Fliege dran kleben geblieben. Das war oft unangenehm, weil man sich ja nicht dauernd ins Gesicht greifen konnte, um nicht alles zu verschmieren. Farbe auf Wasserbasis nehme ich seit 1998. Als wir in Hamburg die Meisterschale überreicht bekommen haben, war ich mit dem Sonderzug da. In Stellingen bin ich dann aus der S-Bahn raus, und wie alle zu Fuß zum Volksparkstadion. Der Fußweg dahin war eine Pappelallee und die Dinger hatten gerade geblüht und an dem Tag  war die ganze Luft voll mit den Pappel-Samen-Puscheln. Bis ich am Stadion war, hab ich im Gesicht ausgesehen wie ein Kaktus. Ab da hab ich dann Farbe auf Wasserbasis verwendet. So hab ich dann auch angefangen mit Pinseln zu arbeiten, weil sich die wasserbasierte Farbe anders nicht auftragen lässt. Pinsel dürfte ich seither auch so etwa 30-40 Stück verbraucht haben.
Man sieht Dich bei jedem Heimspiel. Hast Du in letzter Zeit überhaupt mal eins verpasst? 

Das letzte Heimspiel, das ich verpasst habe war 2014 im Herbst gegen Union Berlin. Da war ich grad in Kur und konnte da nicht weg. Seit 2005 hab ich Dauerkarte auf der Nordtribüne. In den 13 Jahren hab ich eigentlich nur vier Heimspiele nicht sehen können. 2008 gegen Hoffenheim wegen einer Geschäftsreise, 2009 (Aachen) und 2010 (Frankfurt) jeweils wegen einem USA-Aufenthalt.

Du wirst immer wieder darauf angesprochen, und viele Leute wollen Fotos mit Dir machen, etwa im Stadion. Hast Du da auch kuriose Situationen erlebt? 

Noch schöner als Bilder mit FCK-Profis: Leuchtende Kinderaugen.

Noch schöner als Bilder mit FCK-Profis: Leuchtende Kinderaugen.

Kurios finde ich immer bei Auswärtsfahrten, wenn gegnerische Fans sich mit mir ablichten lassen wollen. Da hab ich auswärts viele positive Erfahrungen gemacht. Auch in Stadien, in denen man es nicht erwarten würde, wie in Frankfurt, Dortmund, Hannover, Hamburg oder Nürnberg. Zugegeben, das waren natürlich selten irgendwelche Hardcore-Fans aus dem gegnerischen Lager. Das wäre allein wegen der Fan-Trennung eher schwer möglich gewesen, auch wenn die in den späten 1980er und den 1990er Jahren noch nicht so stringent war wie heute.

Und wer waren die interessantesten Personen, die Fotos mit Dir gemacht oder Dich darauf angesprochen haben? 

Besonders schön finde ich immer die großen Augen von Kindern. Da würde ich niemals nein sagen. Es kam auch immer mal wieder vor, dass auch der eine oder andere Kicker aus unserem Kader bei verschiedenen Gelegenheiten gefragt hat, ob er ein Selfie mit mir machen darf. Kerem Demirbay lief im September 2014 nach einem Testspiel in Neustadt auf dem Weg zum Mannschaftsbus mal an mir vorbei. Der hat sich gar nicht mehr eingekriegt, hat seine Tasche nem Kollegen zugeworfen, sein Smartphone raus gekramt und ne ganze Serie geschossen. Im Januar 2015 saßen wir dann beim Trainingslager in Belek mit paar anderen Jungs von unserer Mannschaft und mit Kosta Runjaic mal abends im Hotel im Wellness-Bereich zusammen in der Sauna. Da hatte Kerem sinniert, dass es jetzt wohl besser sei, dass ich nicht angemalt wäre, sonst würden wir alle rote Füße kriegen…“oder rosa Füße“, wie ich entgegnete. Aber ich glaub die Zweideutigkeit hatte er da in der Situation nicht verstanden.

Du wirst oft als „FCK-Gesicht“ oder „Betze-Gesicht“ bezeichnet. Woher kommt das?

Im Trainingslager in Belek.

Im Trainingslager in Belek.

Den Begriff „FCK-Gesicht“ hat streng genommen mein langjähriger Freund Norbert Thines geprägt. Der hat das so oft formuliert und betont und wohl auch bei irgendwelchen Stellen so abgeladen, dass es irgendwann ein feststehender Begriff wurde. Einbilden tu ich mir darauf bestimmt nix, aber naja, man gewöhnt sich dran. Lieber ist mir aber, die Leute nennen mich bei meinem Namen.

Kann man sagen, dass Dein Outfit sowas wie eine Marke geworden ist? Ist die Rolle auch manchmal anstrengend? 

Sagen wir so, es ist halt mein persönliches Markenzeichen geworden. Es mag jetzt komisch klingen, aber für mich ist es nichts Besonderes mehr. Es hat einen Grad erreicht, den ich an Spieltagen mit Alltäglichkeit bezeichnen würde. Ich glaube mir würde sogar was fehlen, wenn ich morgen damit aufhören würde. Auch die fast zwei Stunden Vorbereitung mit der Kopfrasur, Hautpflege, Einrichten von meinem Schminkplatz daheim und der ganzen Pinselei. Das alles ist sowas wie ein lieb gewonnenes Ritual geworden. Als anstrengend empfinde ich das alles nicht. Auch nicht, dass viele Leute sich mit mir fotografieren lassen wollen. Das war mir am Anfang eher unangenehm, weil es ungewohnt war. Diese Situation ist ja erst seit rund 10 Jahren so auffällig intensiv, weil halt heutzutage jeder eine High-Tech-Kamera in der Hosen- oder Handtasche hat. Früher gab es das schlicht nicht. Aber auch das ist mittlerweile Gewohnheit geworden.

Du bist mit Deinem komplett bemalten Kopf mittlerweile auch medial sehr präsent. Wie kommen solche Fernsehbeiträge zustande und wie findet das Anklang bei den Fans?

Eine der häufigsten Ansprachen im Stadion oder bei der An- oder Abfahrt. „Disch hab isch im Fernseh schunne mol g’sehe!“ Das meiste davon läuft über den FCK. Manchmal kontaktieren mich Journalisten aber auch direkt. Wobei ich auch nicht alles mitmache. Die Presseabteilung beim FCK weiß genau, welche Printmedien und Sendeanstalten es gibt, mit denen ich nichts machen würde. Das eine oder andere, was da in der Vergangenheit gelaufen ist, würde ich heute auch nicht mehr oder nicht mehr so machen. Insgesamt zeigt mir die Reichweite der Wahrnehmung aber schon, dass mein Gesicht als eine Art Marke natürlich erst mal den FCK repräsentiert und nach außen trägt. Das zählt für mich vorrangig. Grade bei gelegentlichen Einblendungen im TV spielt ja auch der Mensch, der dahinter steckt keine Rolle, sondern nur das Logo, das ich Spazieren trage. Natürlich tauchen im Internet dann hin und wieder Kommentare auf, nach dem Motto „der schon wieder“ oder „Selbstdarsteller“ oder sonstige merkwürdige Vorwürfe, die ich nicht nachvollziehen kann. Das lässt mich mittlerweile kalt, vor allem wenn es um Kommentare in Foren geht, wo die User unter anonymem Namen schreiben. Wenn einer, der sich hinter einem Synonym versteckt, sich wenigstens mal in einem persönlichen Gespräch mit mir auseinandersetzen würde, hätte ich ja noch einen gewissen Respekt für so eine unreflektierte Meinung, aber so kann ich das nicht ernst nehmen. Außerdem kann ich ja auch wenig dafür, wenn mich ne Kamera auf meinem etwas exponierten Platz auf der Nordtribüne einfängt.

Du bist ja in frühen Jahren treuer Westtribünen-Zuschauer gewesen. Wie kam dann der Wechsel auf die Nordtribüne?

Ja, bis 1988 hatte ich Dauerkarte auf der Westtribüne. Aber die Entfernung von meinem Studienort Hannover und das Studium selbst ließen das nicht mehr zu. Auch die ersten drei Berufsjahre lebte ich noch in Niedersachsen, bis 1995. Erst dann zog ich in die Pfalz zurück. Regelmäßige Betze-Besuche waren dann trotzdem schwierig. Ab 1996 hatte ich einen festen Freund, der am Bodensee lebte. Nicht gerade ein Fußballfreund, obwohl sein Vater mal unter Mayer-Vorfelder im VfB-Vorstand war. Das war nicht einfach Privates und den FCK unter einen Hut zu kriegen. Nach der Meisterschaft 1998 stieg die Kartennachfrage exorbitant. Mit dem anspruchsvollen und zeitintensiven Job, den ich ab dem Meisterjahr hatte und bei dem ich häufig auch am Wochenende eingespannt war, wurde es immer schwieriger mal spontan ein Heimspiel zu besuchen ohne im Vorverkauf ein Ticket organisiert zu haben. Damals vor allem an Karten für die West ranzukommen, fast unmöglich. Also war ich immer mal wieder auf der einen oder anderen Tribüne zu finden. Bis ich dann mal auf der Nord im damaligen Block F (heute 11.1) Platz genommen hatte. Zu der Zeit war der Spielertunnel noch auf der Ecke zwischen Nord und West. Das war irgendwie sympathisch. So habe ich ab 2005 dort ne Dauerkarte genommen und bin bis heute dort geblieben. Da sitzen auch heute noch ein paar Leute, die ich in den frühen 1980er Jahren schon in der alten Westkurve kennengelernt hatte.

Siehst Du in Deinem Äußeren einen Beitrag zur Unverwechselbarkeit der Lauterer Fanszene?

Wie Du sagst, es ist „ein“ Beitrag! Wichtig ist jeder, jeder einzelne. Egal ob er ein tolles FCK-Tattoo auf dem Arm trägt, sich die Visage anmalt, an kalten Tagen ne selbst gehäkelte Mütze auf den Kopf setzt oder einen Schal aus der Massenproduktion der Merchandising-Abteilung umhängt. Jeder Farbtupfer zählt, und die Summe ist das Gesamtkunstwerk. Wir haben Leute im Stadion, wie zum Beispiel den Steffen Seffrin oder den Peter Hammerschmidt, die gefühlt seit 50 Jahren mit ein und derselben Kutte rumlaufen, was ich wahnsinnig bewundere. Auch sowas findet viel zu wenig Beachtung. Das sind unbezahlbare Kunstwerke. Ansonsten kann ich nur immer wieder betonen, Leute, geht ins Stadion, unterstützt die Mannschaft, seid kreativ und helft mit, der Fan-Gemeinde des FCK mit Euren eigenen Ideen

Auch auswärts wird gemalt.

Auch auswärts wird gemalt.

einen Glanz zu verleihen, der etwas von Einzigartigkeit hat. Steht zusammen und hört auch auf mit unreflektierter Kritik irgendwelche haltlosen Antizipationen oder irgendeinen Unmut in die asozialen Netzwerke raus zu furzen! Es geht nur gemeinsam und geschlossen. Deshalb muss man nicht immer einer Meinung sein. Aber ich bin überzeugt, dass es nur ganz wenige Fanszenen gibt, die uns das Wasser reichen können. In der 1. Bundesliga die Massen zu mobilisieren, das ist kein Kunststück. Grade jetzt in der dritten Liga haben wir eine einmalige Gelegenheit, der Republik zu zeigen, was Vereinsliebe wirklich ist. Auch wenn die Mannschaft derzeit nicht so spielt, wie wir das alle gern hätten.

 

Und wie ist das für Dich bei Auswärtsfahrten? Muss man da nicht manchmal aufpassen? Wie gehst Du mit bedrohlichen Situationen um? 

Klar ist das nicht immer einfach. Vor allem wenn man alleine unterwegs ist. Mein geschminkter Kopf ist schon ein Statement, das ich nicht mal eben verschwinden lassen kann, wie einen Schal oder ein Trikot. Gut, ich könnte ne Plastiktüte übern Kopf ziehen. Sieht aber scheiße aus. Nee, im Ernst. Man lernt mit der Zeit Situationen vorher einzuschätzen, danach zu handeln oder sich im Stadionumfeld zu bewegen. Natürlich gab es auch schon kritische Situationen. Vor allem im Osten. In Rostock, Cottbus oder in Dresden. Aber auch in Karlsruhe und in Köln ging mir schon mal die Muffe. Auf Schalke hatte ich mal die Flucht vom Parkplatz antreten müssen. Auf dem Weg zum Auto – wir waren zu dritt – wir links von nem Zaun, paar Königsblaue rechts von nem Zaun. Meint einer, „hey, Arschloch, Du hast da was im Gesicht“. Ich kann halt meine Klappe nicht halten und meinte, „Lieber was im Gesicht, als nix im Kopf!“ Fanden die nicht lustig und die waren mehr als wir! Aber bisher ist mir noch nichts Ernstes passiert. Ich hab ja vorhin auch schon betont, dass es auch gegnerische Fans gibt, die das eher Klasse finden.

Seit 2007: Gesicht zeigen auch für die Queer Devils. Denn: "Fußball ist alles. Auch schwul."

Seit 2007: Gesicht zeigen auch für die Queer Devils. Denn: „Fußball ist alles. Auch schwul.“

Kannst Du Deine Sichtbarkeit auch manchmal nutzen, um die Queer Devils sichtbarer zu machen? 

Die muss ich nicht extra „nutzen“! So ziemlich jeder weiß, dass ich mich bei den Queer Devils engagiere. Da ist meine Sichtbarkeit per se schon eine Aussage, die 1:1 auch für den queeren Fanclub steht. Zumal ich ja auch seit fast zwei Jahren unseren schicken Regenbogenschal im Stadion trage.

Wie geht’s weiter? Wirst Du Dich noch weitere 30 Jahre jedes Wochenende selbst mit dem Logo verzieren?

Ohje, ob das nochmal 30 Jahre werden, weiß ich nicht. Das plane ich auch nicht. Genauso wie ich die zurückliegenden 30 Jahre nicht geplant habe. Ich muss auch akzeptieren, dass es mit zunehmendem Alter immer schwieriger wird. Die Haut verändert sich und ist immer schwieriger zu bemalen und auch die altersbedingt nachlassende Sehkraft könnte in Zukunft ein Hindernis werden. Aber ich fände es selbst toll, wenn ich das alles noch so lange machen kann, dass ich dann mal die 50 vollkriege.

Und wo wird der FCK dann stehen? 

Hoffentlich in der 1. Liga! Wir wissen alle, dass es bis dahin ein langer steiniger Weg wird, und ehrlich gesagt, denke ich im Moment auch nicht so weit. Im Moment zählt nur die aktuelle Saison. Da stehen die sportliche Stabilisierung mit dem Schwenk auf eine nachhaltige Erfolgsspur und die wirtschaftliche Gesundung im Vordergrund. Alles andere sollten wir dem jetzt mal unterordnen. Aber klar, träumen von der 1. Liga tue ich schon… und damit bin ich vermutlich nicht alleine.

 

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Kommentare

Ein farbiges Bekenntnis, seit 30 Jahren — 2 Kommentare

  1. Eine FCK Geschichte, die vieles aussagt. Begeisterung, Leidenschaft, Faszination.
    Ein Mosaik im Fanleben der Roten Teufel.
    Gratulation an 30 Jahre FCK-Gesicht.

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