Echter Betze geht halt nur mit Drama!

Der 1. FCK bezwingt im DFB-Pokal den 1. FC Nürnberg im Elfmeterschießen

Jubeltraube nach dem Erfolg im Elfmeterschießen (Foto: www.der-betze-brennt.de)

Jubeltraube nach dem Erfolg im Elfmeterschießen (Foto: www.der-betze-brennt.de)

Der FCK schaffte auch in der zweiten DFB-Pokalrunde eine Überraschung und kegelte gestern den Zweitligisten 1. FC Nürnberg aus dem Wettbewerb. Nach den Leistungen in den zurückliegenden Wochen und dem tristen Alltag in der dritten Liga hätten allein diese Tatsache vor der Partie wohl nur die größten Optimisten mit Überzeugung prognostiziert. Ganz zu schweigen von der Art und Weise wie der unterm Strich verdiente Sieg am Ende zustande kam. 21.714 Zuschauer, darunter rund 2.500 Club-Anhänger, sahen einen Pokalfight, der alles zu bieten hatte, was diesen Wettbewerb seit Jahrzehnten so reizvoll macht. Underdog gewinnt gegen vermeintlichen Favoriten, packende, kämpferische und nicht nur für die Fans nervenaufreibende 120 Spielminuten, außergewöhnliche Momente schon in der regulären Spielzeit und ein Elfmeterschießen, das wegen seines Ausgangs und aufgrund eines höchst seltenen Kuriosums per se den Weg in die Geschichtsbücher finden wird.

21.714 Zuschauer fanden den Weg ins Stadion. Tolle Wunderkerzen-Choreo vor dem Anpfiff (Foto: www.der-betze-brennt.de)

21.714 Zuschauer fanden den Weg ins Stadion. Tolle Wunderkerzen-Choreo vor dem Anpfiff (Foto: www.der-betze-brennt.de)

Cheftrainer Boris Schommers hatte bereits am Vortag bei der Pressekonferenz mit Blick auf die favorisierten Gäste aus Nürnberg attestiert, dass die Rollen natürlich klar verteilt seien, dass aber der DFB-Pokal seine eigenen Geschichten schreibe und seine Mannschaft gewillt sei eine schreiben zu wollen. Am Ende wurde es eine, die sich aus vielen kleinen Einzelgeschichten zu einem Gesamtbild zusammensetzte, das viele dramatische Züge hatte. Trotz der bedrohlichen Situation in der Liga, wo der FCK aktuell auf einem Abstiegsplatz rangiert, war vor der gestrigen Partie im Stadion ein trotziger Optimismus greifbar. Die Westtribüne eröffnete mit einem selbstbewusst vor der Brust oder besser vor der Tribünenabsperrung getragenen Banner mit der Aufschrift 1. Fußballclub Kaiserslautern und zauberte mit tausenden Wunderkerzen ein voradventliches Bild vom Zaun bis unters Dach. Es war angerichtet für ein schon vor dem Anpfiff denkwürdiges Spiel. War es doch das erste Aufeinandertreffen der beiden Traditionsvereine im nationalen Pokalwettbewerb.

Gestern häufig im Mittelpunkt, Timmy Thiele mit Maske (Foto: www.der-betze-brennt.de)

Gestern häufig im Mittelpunkt, Timmy Thiele mit Maske (Foto: www.der-betze-brennt.de)

Trainer Schommers ließ überraschend mit einer 3-5-2-Variante beginnen. Eine Taktik, die bei der attestierten Rollenverteilung wohl auch als Erfolgsgarant gewertet werden darf. Die Defensivreihe mit dem zentral postierten Kevin Kraus sowie Lukas Gottwalt auf der rechten und André Hainault auf der linken Seite, hatte zwar vor allem im ersten Durchgang gelegentlich ihre Mühe mit der Nürnberger Angriffsformation, doch alles in allem hielt der von Dominik Schad und Gino Fechner auf den Außenbahnen unterstütze Riegel. Die Gäste hatten vom Anpfiff weg die Spielkontrolle übernommen und mit ansehnlichem Kurzpassspiel ihren Ambitionen einen sichtbaren Stempel aufgedrückt. Der FCN kam so auch zu einem frühen ersten Abschluss durch Iuri Medeiros (2.). Der FCK suchte auf dem Weg nach vorne sein Heil eher mit langen Diagonalbällen oder mit schnellem Umschaltspiel. Der erste vielversprechende Lauterer Angriff führte auch direkt zur Führung. Florian Pick dribbelte zentral in den Sechzehner und kam durch eine Grätsche von Enrico Valentini zu Fall. Schiedsrichter Winkelmann zeigte auf den Punkt. Timmy Thiele, der aufgrund eines Nasenbeinbruchs aktuell mit Maske spielt, legte sich das Leder zurecht und drosch die Kugel platziert zur 1:0 Führung ins Netz (8.).

Timmy Thiele trifft zum 1:0 (Foto: www.der-betze-brennt.de)

Timmy Thiele trifft zum 1:0 (Foto: www.der-betze-brennt.de)

Doch die Antwort der Franken ließ nicht lange auf sich warten. Einmal mehr war es gegnerischer Freistoß, bei dem Lauterer Abwehrbemühungen gründlich misslangen. Der lange Ball segelte in den Strafraum, Timmy Thiele stieg hoch, doch seine Kopfballabwehr traf einen Mitspieler von dem aus das Leder dem Nürnberger Lukas Jäger direkt vor die Füße fiel. Der zögerte nicht lange und jagte die Kugel unhaltbar für Lennart Grill zum Ausgleich in die Maschen (15.). Alles wieder offen. Dennoch hätte der FCK fast postwendend die erneute Führung erzielen können. Florian Pick schickte mit einem feinen Zuspiel Timmy Thiele auf die Reise, doch der Stürmer mit der Maske scheiterte frei vorm Nürnberger Tor an Keeper Patric Klandt.

Rackerte und lief gestern enorm viel, Christian Kühlwetter (Foto: www.der-betze-brennt.de)

Rackerte und lief gestern enorm viel, Christian Kühlwetter (Foto: www.der-betze-brennt.de)

Die Partie blieb weiter temporeich, doch auf Lauterer Seite schlichen sich zunehmend auch wieder Schludrigkeiten ein. Fehler im Spielaufbau, schlampiges Passspiel, unnötige Ballverluste, schlampiges Zweikampfverhalten. Bei so manchem Fan auf den Tribünen machte sich schon wieder ein flaues Gefühl in der Magengegend breit. Die Nürnberger hatten nun deutlich mehr Spielanteile und auch gute Möglichkeiten. Der Ex-Lauterer Sebastian Kerk prüfte mit einem Flachschuss Lennart Grill, der den Ball nicht festhalten konnte. Lukas Gottwald klärte vor der Linie (30.). In der 37. Minute zeichnete sich der junge Lauterer Keeper mit einer tollen Parade gegen Lukas Mühl aus und lenkte dessen Schuss um den Pfosten. Bis zum Pausenpfiff blieb es beim Unentschieden.

Timmy Thiele trifft auch bei der Strafstoßwiederholung sicher zum 2:1 (Foto: www.der-betze-brennt.de)

Timmy Thiele trifft auch bei der Strafstoßwiederholung sicher zum 2:1 (Foto: www.der-betze-brennt.de)

Der FCK kam nach dem Wiederanpfiff deutlich besser ins Spiel, wirkte entschlossener und nun wieder auch sicherer. Der nun sichtbar sattelfester wirkenden Defensive und den umsichtigen Mittelfeldakteuren gelangen auch zunehmend mutige Spieleröffnungen, die vor allem Christian Kühlwetter und Timmy Thiele vorne immer wieder in Szene setzten. Nennenswerte gefährliche Abschlüsse blieben dennoch aus. Zwanzig Minuten vor dem Ende erntete Trainer Schommers deutliche Pfiffe, als er den bis dahin besten FCK-Spieler beim ersten Wechsel vom Feld nahm. Für Florian Pick kam Lucas Röser. Der flinke Flügelflitzer war angeschlagen, hatte schon während der Trainingswoche mit Erkältungserscheinungen zu kämpfen. „Ich bin eigentlich krank und war völlig platt“, röchelte der emsige Dribbler, dessen Stimme sich anhörte wie ein rostiger Hobel, dem Autor nach der Partie entgegen. Verständnis für die Pfiffe hatte der Trainer trotzdem, wohl wissend, dass dieser Umstand auf den Tribünen ja nicht bekannt war.

Solider Arbeiter, Manfred Starke (Foto: www.der-betze-brennt.de)

Solider Arbeiter, Manfred Starke (Foto: www.der-betze-brennt.de)

Der FCK blieb auch ohne Florian Pick mutig und kämpferisch und wich von seiner Marschroute nicht ab. Die führte auch in der 72. Minute mit Entschlossenheit in den Nürnberger Strafraum. Der gestern extrem emsige Christian Kühlwetter zentral im Vorwärtsgang, der über rechts mitgelaufene Dominik Schad wurde im Laufduell im Sechzehner zu Fall gebracht, Schiedsrichter Guido Winkelmann entschied ein zweites Mal auf Strafstoß. Erneut legte sich Timmy Thiele den Ball auf den Punkt und verwandelte souverän. Doch Winkelmann erstickte den Torjubel im Keim. Der Elfer musste wiederholt werden, weil einige Akteure zu früh in den Strafraum gelaufen waren. Unbeeindruckt und kaltschnäuzig legte sich Timmy Thiele den Ball ein zweites Mal hin und jagte die Kugel mit der gleichen Entschlossenheit einfach nochmal in die Maschen. Jetzt aber! 2:1 für den FCK! Der Sieg und das Weiterkommen schienen nun mehr als realistisch.

Einschwören auf die Verlängerung (Foto: www.der-betze-brennt.de)

Einschwören auf die Verlängerung (Foto: www.der-betze-brennt.de)

In der Schlussviertelstunde mühte sich der Club um Lösungen, fand aber keine. Zu fahrig, zu wenig zwingend, zu unkonzentriert rannten die Franken gegen die disziplinierten Roten Teufel an. Die nun euphorische Kulisse quittierte jetzt lautstark jede Grätsche, jede Abwehraktion, jeden Ballgewinn. Doch dann eine für alle Beteiligten auf dem Rasen und den Tribünen unfassbare Situation. Lennart Grill pflückte sich in der 89. Minute souverän einen hohen Nürnberger Ball. Gedanklich schon wieder bei der Spieleröffnung, die nach vorne trabenden Kollegen im Blick legte er sich das Leder vor die Füße, übersah jedoch, dass hinter ihm noch Michael Frey postiert war. Der Nürnberger spitzelte Lennart Grill den quasi verwaisten Ball vor den Füßen weg, umspielte den Lauterer Keeper und schob die Kugel ins leere Lauterer Tor (89.). „Ich wollte Zeit von der Uhr nehmen, habe den Gegenspieler nicht gesehen“, erklärte der Unglücksrabe nach dem Abpfiff die Situation.

Auch er war vor dem Elfmeterschießen enorm angespannt, Gerry Ehrmann (Foto: www.der-betze-brennt.de)

Auch er war vor dem Elfmeterschießen enorm angespannt, Gerry Ehrmann (Foto: www.der-betze-brennt.de)

Es ging in die Verlängerung und binnen der nun folgenden weitern 30 Spielminuten sollte Lennart Grill dann zum Pokalhelden avancieren. Von „zero“ zum „hero“! Die Nürnberger witterten nun natürlich ihre Chance das Ticket zum Achtelfinale doch noch im Spielbetrieb ziehen zu können, wenn auch in der Verlängerung. Doch sie scheiterten ein ums andere Mal an eben jenem Lennart Grill, der ihnen die Verlängerung überhaupt erst ermöglicht hatte. In der 107. Minute parierte der Lauterer Keeper einen scharfen Freistoß von Johannes Geis, in der 110. Minute blieb er Sieger gegen den eingewechselten Nikola Dovedan, der frei vor ihm aufgetaucht war und in der 112. Minute machte er eine Doppelchance von Tim Handwerker und Robin Hack zunichte. Beonders kurios wurde es dann in der 115. Minute. Patric Klandt im Tor der Nürnberger verletzte sich am Fuß und konnte nicht mehr weiterspielen. Der Keeper hatte in einer harmlosen Situation einen Ball ergattert und war danach ohne gegnerische Einwirkung einfach umgeknickt. Da der Club sein Wechselkontingent bereits erschöpft hatte, streifte sich Verteidiger Enrico Valentini Handschuhe und Torwartleibchen über und stand fortan zischen den Pfosten. Advantage Betze!

Macht seinen Lapsus wieder wett und hält den sechsten Elfer, Lennart Grill (Foto: www.der-betze-brennt.de)

Macht seinen Lapsus wieder wett und hält den sechsten Elfer, Lennart Grill (Foto: www.der-betze-brennt.de)

Dennoch gelang es den Roten Teufeln in der verblebenden Zeit samt zwei Minuten Nachspielzeit nicht ein einziges Mal dem Verlegenheits-Keeper der Gäste einen Ball aufs Tor zu bringen. Stattdessen galt es vor dem eigenen Kasten noch einen Freistoß aus 20 Metern in zentraler Position zu überstehen, doch Johannes Geis auf Seiten der Nürnberger konnte die letzte vielversprechende Chance der Franken nicht nutzen und brachte den Ball nicht aufs Tor. So ging es ins Elfmeterschießen, bei dem auf der Seite der Gäste nun eben ein Feldspieler im Tor stand. Der FCK eröffnete das erste von zunächst fünf Duellen, Kevin Kraus verwandelte souverän. Auch alle anderen Lauterer Torschützen (Lucas Röser, Manfred Starke, Christian Kühlwetter und Christoph Hemlein) sowie alle fünf Nürnberger trafen zielsicher vom Punkt. Das sechste Duell eröffnete Andri Runar Bjarnason und auch er blieb im Duell mit Enrico Valentini klarer Sieger. Nun war wieder Lennart Grill gefragt und tatsächlich parierte der Teufelskerl den noch nicht einmal schlecht geschossenen Schuss von Tim Handwerker. 6:5, der FCK hatte es geschafft und Lennart Grill hatte seinen Fehler aus der Schlussminute mehr als wieder glatt gebügelt!

Die Mannschaft in Feierlaune (Foto: www.der-betze-brennt.de)

Die Mannschaft in Feierlaune (Foto: www.der-betze-brennt.de)

Nun brachen alle Dämme, Mannschaft, Trainer- und Betreuerstab stürzten sich auf den Pokalhelden, auf den Tribünen lag sich so ziemlich alles in den Armen. Das war Balsam auf die geschundene FCK-Seele. Nicht nur emotional, auch wirtschaftlich war der gestrige Sieg enorm wichtig, dürfte die nächste Partie im DFB-Pokal den Verantwortlichen doch einen stattlichen Betrag in die Kassen spülen. Ausgelost wird die nächste Runde am kommenden Sonntag in der ARD-Sportschau. Durch den neuen Auslosungsmodus könnte dem FCK sogar ein Auswärtsspiel drohen, wenn man einem der verbliebenen Regionalligisten FC Saarbrücken und SC Verl zugelost würde. In allen anderen noch im Los-Topf befindlichen Kugeln stecken nur Erst- und Zweitligisten. Hier hätte der FCK als Drittligist automatisch Heimrecht. Doch die Konzentration gilt nun zunächst mal dem Liga-Heimspiel am kommenden Samstag gegen die Kickers aus Würzburg. Es wäre der Mannschaft zu wünschen, dass der gestrige Erfolg beflügelt und sie vor allem von der Art und Weise ihres gestrigen Auftritts etwas mitnimmt. Nur nach 90 Minuten am Samstag bitte ein anderes Ergebnis als gestern und zwar mit mindestens einem Tor mehr auf der Haben-Seite als der Gegner!

mg


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