Dieser Weg wird kein leichter sein

Buchlesung am Betzenberg thematisiert Homosexualität im deutschen Fußball – lebendige Diskussion

Die Autoren Andreas Erb und Dirk Leibfried (Foto: 1.FCK)

Die Autoren Andreas Erb und Dirk Leibfried (Foto: 1.FCK)

„Wir leben im 21. Jahrhundert! Müssen wir über das Thema Homosexualität tatsächlich noch diskutieren?“ Eine häufig gestellte Frage, die nicht nur gestern Abend in der Museums-Loge des Fritz-Walter-Stadions aus dem Publikum heraus zur Diskussion gestellt wurde? Der 1.FC Kaiserslautern und die Queer Devils hatten im Rahmen der IDAHOT Aktionswochen zu einer Buchlesung eingeladen. Mehr als 30 Zuhörer lauschten dort den beiden Autoren Dirk Leibfried und Andreas Erb, die im Rahmen einer Buchlesung aus ihrem im Jahr 2011 erschienenen Buch „Das Schweigen der Männer“ einen umfassenden und teils ernüchternden Einblick in die Ergebnisse ihrer Recherchen gaben und dabei ein Bild eines im Fußball immer noch eher verkrampften Umgangs mit dem Thema Homosexualität zeichneten. Daran hat auch der mutige Schritt des ehemaligen Nationalspielers Thomas Hitzlsperger nichts nachhaltig verändert, der sich im Jahre 2013 nach dem Ende seiner aktiven Fußballerlaufbahn öffentlich zu seiner Homosexualität bekannte.

Schon vor Beginn angeregte Diskussionen... (Foto: mg)

Schon vor Beginn angeregte Diskussionen… (Foto: mg)

Dennoch waren gestern Abend auch die vielen kleinen Fortschritte und Lichtblicke, die sich in den letzten zehn Jahren rund um das Thema Homosexualität im Fußball eingestellt hatten, Gegenstand der facettenreichen Betrachtung. Viele Vereine gehen heute offener mit dem Thema um. Das zeige auch die Bereitschaft des 1.FC Kaiserslautern, eine Veranstaltung wie die gestrige anzubieten oder seit Jahren immer wieder Akzente beim Engagement gegen Homophobie zu setzen, attestierte Dirk Leibfried gleich zu Beginn der Veranstaltung. Eine Selbstverständlichkeit sei es deshalb aber noch lange nicht. Auch homophobe Verunglimpfungen in den Stadien sind deutlich weniger geworden. In Zahlen messen lässt sich das freilich nicht, es bleibt eine subjektive Wahrnehmung bei der quantitativen Bewertung homophober Gesinnung auf den Tribünen oder auf dem grünen Rasen. Es kommt eben trotz allem immer noch vor, dass Äußerungen wie „Schwuchtel“ oder „schwule Sau“ gebräuchliche Mittel sind und scheinen, um einem gegnerischen Spieler oder dem Unparteiischen eigenen Unmut entgegen zu schmettern. Nicht nur in den großen Fußball-Arenen wie dem Fritz-Walter-Stadion, sondern auch auf tausenden Plätzen des Amateursports.

...und gespannte Erwartung (Foto: Patrik Regel)

…und gespannte Erwartung (Foto: Patrik Regel)

Die Idee zum Buch kam den beiden begeisterten Fußballanhängern aus Kaiserslautern im Jahre 2010 zur WM in Südafrika. In einer Veröffentlichung des Magazins „Der Spiegel“ hatte Michael Becker, Berater des früheren Nationalmannschafts-Kapitäns Michael Ballack, vollmundig angekündigt, dass schon bald jemand die „Schwulencombo“ hochgehen lassen könne. Gemeint war natürlich die deutsche Fußball-Nationalmannschaft. Vor allem die Aufgeregtheit von den offiziellen Seiten zu diesen Spekulationen, war ein Teil des Anreizes und  der Animation, sich dem Thema intensiver zuzuwenden. Auf vier Bereiche fokussierten die beiden Autoren ihre Recherchen. Die Vereine, die als Arbeitgeber und im Rahmen ihrer Jugend- und Nachwuchsarbeit eine besondere Verantwortung tragen. Dabei wurden Offizielle aus den Vorstandsetagen aber auch die Aktiven in Person der Mannschaftskapitäne aller 36 Vereine aus der ersten und zweiten Liga angesprochen. Dann die Verbände, angefangen vom Deutschen Fußballbund (DFB), der Deutschen Fußballiga (DFL) sowie den Landes- und Regionalverbänden. Von besonderer Bedeutung auch die Sponsoren, die den Fußball mit ihren Investitionen wirtschaftlich mit am Laufen halten und wo aus dieser Position heraus natürlich Ansprüche hinsichtlich Image und Außenwirkung entstehen. Zuletzt auch die Medien und deren Vertreter, denen mit ihren Berichterstattungen auch eine nicht unerhebliche Verantwortung zukommt, seriös und sachlich mit dem Thema umzugehen, anstatt in Boulevardmanier Effekthascherei und wilde Spekulationen zu betreiben.

Begrüßung durch die Queer Devils (Foto: Patrik Regel)

Begrüßung durch die Queer Devils (Foto: 1.FCK)

Man habe sich ernüchtert über die Rückmeldungen gezeigt, resümierte Andreas Erb. Quantitativ wie qualitativ. Von den 36 angesprochenen Ligavereinen beispielsweise hatten sich lediglich vier vollumfänglich und kompetent bei der Beantwortung der überschaubaren Fragenkataloge gezeigt. Der Hamburger SV, Borussia Mönchengladbach, der FSV Frankfurt und eben der 1.FC Kaiserslautern. Nicht viel anders die Reaktionen der Verbände oder auch der Sponsoren, unter denen sich teils namhafte Weltkonzerne tummeln, bei denen man eigentlich davon ausgehen müsste, dass professionelle Strukturen auch bei Themen dieser Art ein kompetentes Auftreten und eine kooperative Haltung an den Tag legten. Überwiegend das Gegenteil sei der Fall gewesen, stellten die Autoren irritiert fest. Auf der Grundlage dieser eher bescheidenen Resonanz blieb der Eindruck eines immer noch verkrampften Umgangs mit dem Thema und eines spürbar betretenden Schweigens zurück, was letztlich auch zum Titel des Buches führte.

Fast volle Hütte (Foto: Patrik Regel)

Fast volle Hütte (Foto: Patrik Regel)

Das positive Beispiel FSV Frankfurt zeige zudem, dass ein sichtbares Engagement leider meist auch an die Arbeit von handelnden Personen gebunden sei. Die Initiative, die der Frankfurter Zweitligist hier vor Jahren an den Tag gelegt hatte, war eng verbunden mit dem Engagement des damaligen Managers Bernd Reisig. Seit seinem Weggang Ende 2010 scheint aber auch die Thematik am Bornheimer Hang etwas eingeschlafen zu sein. Der 1.FC Kaiserslautern war im Jahr 2009 einer der ersten Vereine, die in Deutschland die sogenannte Leipziger Erklärung unterzeichnet hatten. Für Stefan Kuntz und den 1.FCK seinerzeit eine Selbstverständlichkeit sich zu dem selbstverpflichtenden Fünf-Punkte-Plan im Kampf gegen Homophobie zu bekennen. Auch am Betzenberg ist aktuell ein Umbruch im Gange, in dessen Folge man sehen wird, wie weit oben das Engagement gegen Homophobie auch künftig noch auf der Agenda stehen wird. Nach ersten Gesprächen und Eindrücken mit den neuen Verantwortlichen besteht hier kein Anlass zur Sorge. Die Queer Devils blicken hier eher optimistisch in die Zukunft, werden den Dialog mit den neuen Verantwortlichen suchen und forcieren und sich weiter aktiv mit dem Thema einbringen.

Stolzer Besitzer eines neuen Schals (Foto: Patrik Regel)

Stolzer Besitzer eines neuen Schals (Foto: Patrik Regel)

Einen besonders schweren Stand haben bekennend schwule Fußballschiedsrichter. Ohnehin auf vielen Plätzen quasi Hassobjekt gleich beider Fanlager, schaffe ein offenes Bekenntnis zur eigenen sexuellen Identität natürlich eine zusätzliche Angriffsfläche. Dirk Leibfried ist nicht nur Fußballfan, sondern als offen schwul lebender Mann auch aktiver Schiedsrichter im Südwestdeutschen Fußballverband (SWFV) und zudem über Jahre hinweg auch ehrenamtlich in der Vorstandsarbeit eines Fußballvereins tätig. Seine persönlichen Erfahrungen in der Funktion als Schiedsrichter insbesondere auf den Plätzen des Amateurfußballs waren bislang durchweg positiv. Anfeindungen aufgrund seiner sexuellen Identität durch Zuschauer oder gar Schiedsrichterkollegen? Fehlanzeige. Dennoch sieht auch Dirk Leibfried Nachholbedarf darin, das Thema bei der Ausbildung zu würdigen. Nicht nur bei der Ausbildung von neuen Schiedsrichtern, die letztlich auch in der Pflicht stehen homophobe Vorfälle beim Spiel auf dem grünen Rasen wahrzunehmen und diese entsprechend zu sanktionieren.

Jede Menge Lesestoff und Information (Foto: 1.FCK)

Jede Menge Lesestoff und Information (Foto: 1.FCK)

Auch bei der Qualifikation und Fortbildung von Übungsleitern, Trainern und allen Verantwortlichen rund um die Betreuung der Fußballjugend sollte ein unverkrampfterer Umgang mit dem Thema ein wichtiges Ziel sein und daher deutlicher Einzug in die Ausbildungspläne erfahren. Insofern waren sich nach einer lebhaften Diskussion am Ende des gestrigen Abends alle Anwesenden einig. Es gibt noch viel zu tun, es braucht noch viel Zeit und es ist eben ein zäher Prozess, ehe man tatsächlich zu der Erkenntnis kommen kann, dass dieses Thema eigentlich kein Thema mehr sein sollte. Eine ausführliche Fotoserie zur Veranstaltung am gestrigen Abend erscheint in Kürze unter der Rubrik Bildergalerie.

mg


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