Chance zum Derbysieg verpasst

Derbyklassiker zwischen FCK und Waldhof Mannheim endet 1:1

Der Südwesten ist rot-weiß-rot! Teil der Choreo vor dem Anpfif (Foto: www.der-betze-brennt.de)

Der Südwesten ist rot-weiß-rot! Teil der Choreo vor dem Anpfiff (Foto: www.der-betze-brennt.de)

Mit viel Emotionalität fieberten die Fans beider Lager seit Wochen dem Derby zwischen dem 1. FCK und dem SV Waldhof Mannheim entgegen. Die Vorfreude war ambivalent, so manche Aktion im Vorfeld war alles andere als witzig. Auf beiden Seiten. Das gestrige Aufgebot an Sicherheitskräften war rekordverdächtig. Die Furcht vor Eskalation durchaus berechtigt. Rausgekommen war gestern ein in vielerlei Hinsicht feuriges Derby am Betzenberg. Das „hour d’oeuvre“ lieferte die Kulisse. Eine gigantische Choreographie, die sich über drei Tribünen erstreckte, geschrieben in drei Kapiteln. Ein erstes optisches Feuerwerk das bei vielen für Gänsehaut sorgte. Auch sportlich war es hitzig. Der Waldhof ging früh durch den in Schifferstadt geborenen Gianluca Korte in Führung (10.). Der FCK hatte schon im ersten Durchgang einige hochkarätige Möglichkeiten, kam auch vor der Pause noch zum bis dahin verdienten Ausgleich. Eine Ecke von Manfred Starke verwandelte Kevin Kraus in der 34. Minute per Kopf.

Erster Teil der größten Choreographie, die je im Fritz-Walter-Stadion gezeigt wurde (Foto: www.der-betze-brennt.de)

Erster Teil der größten Choreographie, die je im Fritz-Walter-Stadion gezeigt wurde (Foto: www.der-betze-brennt.de)

Durch die frühe Anstoßzeit war es in der  Stadt am gestrigen Sonntag bereits früh sehr lebhaft. Eine Atmosphäre und ein Gewusel, das an Bundesligazeiten erinnerte. Zahlreiche Verkehrsbehinderungen auf Asphalt und Schiene inkludiert. Bereits in den Morgenstunden sammelte sich der FCK-Anhang im Lauterer Stadtzentrum, um stimmgewaltig zum Stadion zu pilgern. Einheitlich in roten Shirts, mit viel Feuer und Rauch auf dem Weg durch die Eisenbahnstraße hinauf auf den Betzenberg. Eine Szenerie, die Eindruck machte, auch wenn so mancher Anwohner, der nichts mit Fußball am Hut hat, vielleicht nicht ganz so lang schlafen konnte wie an anderen Sonntagen. Der Lauterer Fanmarsch verlief so gesehen fast protokollmäßig. In der Folge hatten die Sicherheitskräfte aufgrund der verspätet eintreffenden Entlastungszüge aus Mannheim rund um den 11-Freunde-Kreisel dann dennoch alle Hände voll zu tun, um die Trennung der Fangruppen zu gewährleisten. Trotz Verschiebungen im Zeitplan, das Konzept ging auf, bis hierhin verlief alles reibungslos. Auch wenn ein nicht unerheblicher Anteil des blau-schwarzen Anhangs erst eine halbe Stunde vor Anpfiff in den Block gelangte.

Setzte sich immer wieder gefährlich in szene, Timmy Thiele (Foto: www.der-betze-brennt.de)

Setzte sich immer wieder gefährlich in Szene, Timmy Thiele (Foto: www.der-betze-brennt.de)

Immerhin 36.766 Zuschauer fanden letztlich den Weg auf den Betzenberg. Darunter etwa 4.500 Anhänger aus der Quadratstadt auf der anderen Rheinseite. Im Stadion stimmten sich beide Lager schon vor dem Anpfiff akustisch ein und vor allem der Lauterer Anhang wartete mit einer sehenswerten Choreographie auf. Gänsehaut bei Fans, Spielern, Trainern und Offiziellen. Eine gewaltige Blockfahne überspannte die Westtribüne, auf der ein martialisch anmutender Teufel das Waldhof-Wappen in seinen Krallen zerdrückt, flankiert von einem Spruchband vor dem Blockzaun. Komplettiert wurde das Bild durch Schwenkfahnen, mit denen auf den beiden Tribünen im Süden und Norden je ein rot-weiß-rotes Band illusioniert wurde und dann vor dem Zaun vor der West mit dem Spruchband „Denn der Südwesten ist für immer rot weiß rot!“ die Vorherrschaft in der Region beansprucht und der Mannheimer Rivale in die Schranken verwiesen wurde.

Abschluss ohne Torerfolg, Philipp Hercher (Foto: www.der-betze-brennt.de)

Abschluss ohne Torerfolg, Philipp Hercher (Foto: www.der-betze-brennt.de)

Eine weitere Blockfahne mit dem Aufdruck „Waldhof verrecke“, der auch als Aufdruck auf tausenden für die Partie in Umlauf gebrachten Shirts zu lesen war, sorgte im Nachhinein dann jedoch für einige kritische Fragen. Auch Sascha Hildmann kommentierte nach dem Abpfiff auf Nachfrage, dass sich die Wortwahl „nicht im Sinne des Menschenverstandes“ bewege, verwies aber darauf, dass er hier nicht der richtige Ansprechpartner sei. Der Verein habe das im Vorfeld staatsanwaltlich prüfen lassen, dies sei so durch die freie Meinungsäußerung gedeckt, ließ Finanzvorstand Michael Klatt einer Tageszeitung gegenüber verlauten. Für die einen legitim und passend für das Derby, für andere übers Ziel hinausgeschossen. Nicht minder fragwürdig übrigens auch die Spruchbänder im Mannheimer Block, die noch deutlichere Gewaltphantasien beinhalteten.

Torjubel nach dem 1:1 Ausgleich (Foto: www.der-betze-brennt.de)

Torjubel nach dem 1:1 Ausgleich (Foto: www.der-betze-brennt.de)

Aufgrund stark vernebelter Sicht durch Rauchbomben, die auf beiden Seiten kurz vor Anpfiff gezündet wurden, ging es mit fünf Minuten Verspätung dann auch endlich auf dem Rasen los. Trainer Sascha Hildmann schickte die gleiche Startelf aufs Feld wie beim Auswärtssieg in Zwickau. Der Waldhof, wo Timo Königsmann zwischen den Pfosten den verletzten Stammkeeper ersetzen musste, im Vergleich zur Vorwoche mit lediglich einem Wechsel im Startaufgebot. Der FCK begann aggressiv, hatte schon früh vielversprechende Möglichkeiten, doch sowohl Timmy Thiele mit einem Schuss aus der zweiten Reihe (5.) als auch Christian Kühlwetter (9.) vergaben. Die Gäste versteckten sich keineswegs, gefielen auch in der Anfangsphase durch schnelles Kombinationsspiel und zeigten mit ihrer ersten echten Möglichkeit kompromisslos, wie Effektivität geht. Stürmer Valmir Sulejmani flankte von rechts, der mitgelaufene Gianluca Korte preschte mustergültig in die Lücke im Zentrum und wuchtete das Leder per Kopf in die Maschen (10.). Der FCK ließ sich durch die frühe Gästeführung dennoch nicht aus der Ruhe bringen, machte weiter Druck und kam so immer wieder zu Gelegenheiten in die Vorwärtsbewegung zu kommen.

Torjubel nach dem 1:1 Ausgleich (Foto: www.der-betze-brennt.de)

Torjubel nach dem 1:1 Ausgleich (Foto: www.der-betze-brennt.de)

Nach einem Foulspiel von Jose Matuwila an Valmir Sulejmani musste der Flankengeber zur Waldhof-Führung verletzt raus. Für ihn kam Kevin Koffi (28.). Kurz darauf war es erneut Timmy Thiele, der nach einem Sprint an der rechten Strafraumecke abzog, doch der Mannheimer Keeper  parierte ans Außennetz. Manfred Starke brachte die nachfolgende Ecke scharf vors Tor, Kevin Kraus stand goldrichtig, stieg am höchsten und lenkte die Kugel mit dem Kopf ins Tor (34.). Der Betzenberg explodierte! Endlich mal ein Tor nach einem Eckball. Der Ausgleich, überfällig und hoch verdient. Die Kulisse quittierte in der verbleibenden Zeit bis zur Pause jeden Ballgewinn, jede Grätsche mit frenetischer Anfeuerung, doch letztlich blieb es bis zum Kabinengang beim Unentschieden.

Hatte die Führung auf dem Fuß, Christian Kühlwetter (Foto: www.der-betze-brennt.de)

Hatte die Führung auf dem Fuß, Christian Kühlwetter (Foto: www.der-betze-brennt.de)

Auch nach der Pause war die Kulisse sofort da und sah wie Dominik Schad sich am rechten Strafraumrand energisch und in alter Betze-Manier durchsetzte, nach innen zog und eine flache scharfe Hereingabe servierte, die Michael Schultz, zwischen 2014 und 2016 in Diensten des FCK, beinahe ins eigene Tor gelenkt hätte (47.). Gut zehn Minute später war es Christian Kühlwetter, der alleine aufs Mannheimer Tor lief, mit rechts abzog, aber den Ball so nicht an Timo Königsmann vorbeibrachte (57.). Den Ball hätte er besser mit links abschließen und am Keeper vorbei in die lange Ecke legen müssen, räumte der Lauterer Stürmer gestern Abend im Studiointerview beim SWR ein. Da fehlt vielleicht auch noch ein wenig die Reife zum Prädikat „Instinktfußballer“. Mitte des zweiten Durchgangs ließ beim FCK ein wenig die Kraft und die Konzentration nach, die Gäste wurden stärker. Erster Warnschuss in der 66. Minute. Ein von Dorian Diring von rechts getretener Freistoß segelte nur haarscharf am Pfosten am langen Eck vorbei. Durchatmen!

Immer wieder gefährlich über außen, Florian Pick (Foto: www.der-betze-brennt.de)

Immer wieder gefährlich über außen, Florian Pick (Foto: www.der-betze-brennt.de)

Die weiter aufgerückten Waldhöfer boten nun natürlich Räume für Konter. In der 68. Minute schloss Timmy Thiele einen ab, doch das Leder ging knapp am Gehäuse vorbei. Danach hatten die Mannheimer den Torjubel schon auf den Lippen. Einen Waldhof Angriff schloss Dorian Diring mit einem Lupfer ab. Lennart Grill war bereits geschlagen, doch Torschütze Kevin Kraus kratzte in letzter Sekunde das Leder von der Linie (71.). In der 74. Minute gab Lucas Röser sein Debüt im FCK-Trikot. Der in Ludwigshafen geborene Stürmer war erst vor wenigen Tagen von Dynamo Dresden auf den Betzenberg gewechselt. Er kam für Manfred Starke. Die Gäste machten nun mächtig Druck, holten in der Folge drei Ecken nacheinander heraus. Bei den Roten Teufeln wuchs merklich die Furcht vorm „lucky punch“ des Gegners. Möglich, dass auch diese innere unbewusste Lähmung dazu führte, dass die Jungs von Sascha Hildmann fortan viel zu wenig Biss zeigten, um selber weiter nach vorne Gefahr zu erzeugen.

Gedränge vorm Tor (Foto: www.der-betze-brennt.de)

Gedränge vorm Tor (Foto: www.der-betze-brennt.de)

Die produzierten dafür umso sichtbarer die Waldhöfer. So hatte in den Schlussminuten der eingewechselte Kevin Koffi gleich zweimal die Möglichkeit den Derbysieg einzustreichen, doch einmal vergab er per Rechtsschuss (89.) und einmal freistehend per Kopf (90.). Als alle Zuschauer sich bereits auf locker fünf bis sechs Minuten Nachspielzeit eingestellt hatten, pfiff Schiedsrichter Robert Hartmann die Partie pünktlich nach 90 Minuten ab. Wieder ein Remis vor heimischem Publikum, wieder nach einem Auswärtssieg keinen weiteren Dreier eingefahren. Während der Waldhof mit dem Punkt durchaus zufrieden sein konnte und die mitgereisten Gäste den Teilerfolg ausgelassen feierten, überwog auf der Gegenseite zunächst Ernüchterung. Während sich die Tribünenbereiche im Norden und im Süden zügig leerten, wurde die Mannschaft von der noch gut besetzten Kurve trotzdem mit aufmunterndem Applaus verabschiedet.

Die Mannschaft auf dem Weg zur Kurve. Applaus gab es trotzdem (Foto: www.der-betze-brennt.de)

Die Mannschaft auf dem Weg zur Kurve. Applaus gab es trotzdem (Foto: www.der-betze-brennt.de)

Nennenswerte Zwischenfälle bei der Abreise der Fans waren nicht mehr zu verzeichnen, obwohl insbesondere das Verladen des Gästeanhangs viel zäher verlaufen war, als von den Sicherheitskräften und Deutscher Bahn ursprünglich geplant. Der FCK steckt tabellarisch weiter im sportlichen Mittelmaß. So gesehen war auch das gestrige Ergebnis zu wenig für die Ambitionen des Traditionsvereins. Chancen für den Sieg waren reichlich da, aber eben auch für die Gäste. Insofern aufgrund des Spielverlaufs durchaus gerecht. Am Mittwoch steht nun das Verbandspokalspiel gegen Schifferstadt an, ehe es in die Länderspielpause geht. Eine Woche danach geht es beim SV Meppen in der Fremde wieder auf Punktejagd. Zwei bisher gewonnene Auswärtsspiele machen zumindest Hoffnung, dass sich die Mannschaft dort leichter tut, als vor heimischer Kulisse.

mg


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